IX.

Ingeborg Bachmann

 

Wie wir sehen, liefert die Undine-Literatur dem Interessenten ziemlich reiches Material. Es ist deshalb unmöglich, alle gefundenen Beispiele im Rahmen dieser Arbeit mit dergleichen Genauigkeit darzustellen und zu interpretieren, so leid es mir auch tut. Ich versuchte deshalb, die interessantesten und signifikantesten herauszugreifen, damit ich auch einige Extreme als Kontrast neben das zentrale Motiv stellen kann. Die Künstler - ich schreibe mit Absicht nicht nur Schriftsteller -, die im zwanzigsten Jahrhundert von Undines Gestalt inspiriert wurden, haben sie wirklich auf extrem unterschiedlicher Weise dargestellt und als Medium ihrer Selbstäußerung benutzt.

In der Literatur ist dafür vielleicht das schönste Beispiel Ingeborg Bachmanns Novelle mit dem Titel "Undine geht" /1961./. Gerade wegen der ungewöhnlichen Weise der Bearbeitung hat dieses Werk meine Aufmerksamkeit in besonderem Maße erweckt, deshalb möchte ich mich mit ihm näher beschäftigen. Man versteht das oben Gesagte gleich besser, wenn man die Zeilen der Autorin liest, die nun auch als ein von ihr selbst formuliertes Motto zur Interpretation ihrer Erzählung stehen könnten:

" Bei allem, was wir tun, denken und fühlen, möchten wir manchmal zum Äuß ersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind. Innerhalb der Grenzen haben wir den Blick gerichtet auf das Volkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es in der Liebe, der Freiheit, der Gerechtigkeit - jeder reinen Größ e. Im Wiederspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten."

Die Erzä hlung ist im Prosaband "Das dreiß igste Jahr" erschienen. Das Band, "dessen sieben lyrisch - monologische Erzählungen das Thema menschlicher Wandlung variieren, lä ß t die Absicht durchscheinen, alte schimpfliche Ordnungen aufzukündigen."( 4.. .) Die Kündigung aller alten Ordnungen - die in einer gewissen Auffassung das Wesentliche der Moderne ist - prä gt den Charakter von Undine in dieser Erzä hlung und fordert deshalb besondere Aufmerksamkeit.

Bachmanns Erzä hlung ist im traditionellen Sinne kein Mä rchen, keine wirkliche Geschichte, sondern ein Monolog, der sich sogar als Abschiedsrede einer Selbstmord begehenden Frau interpretieren lä ß t. Sie enthält Motive sowohl aus Fouqués Märchen, als auch aus dem französischen Giraudoux' Drama "Ondine" (wo der männliche Hauptheld auch Hans heißt). Mit dem Drama verglichen, entspricht Bachmanns Monolog der Situation, wo Ondine von Hans abschied nimmt. (Es gibt aber noch eine Arbeit der Autorin, "deren gedanklicher Kern in wesentlichen Zügen enge Verwandschaft mit dem ideellen Gehalt der Ondine aufweist"(17.), nämlich das Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan" /1958/.)

Elemente aus dem ursprünglichen Stoff (unter "ursprünglich" verstehe ich jetzt die "goldene Mitte"-Version von Fouqué) sind in der Erzählung: z.B.  die Untreue des Mannes ("Dann war ich plötzlich eine Gefahr, die ihr noch rechtzeitig erkanntet, und verwünscht war ich und bereut war alles im Handumdrehen."), die Rückkehr ins Wasser ("wenn ich eines Tages freikam aus der Liebe, muß te ich zurück ins Wasser gehen, in dieses Element, in dem niemand sich ein Nest baut,"), ƒ das "entweder eine Stimme haben oder ein Mensch zu sein" - Motiv ("Denn ich habe euch noch einmal wiedergesehen, in einer Sprache reden gehört, die ihr mit mir nicht reden sollt. Mein Gedä chtnis ist unmenschlich." , "Ich liebe das Wasser, seine dichte Durchsichtigkeit [ ...] und die sprachlosen Geschöpfe" ), und der tödliche Kuß ("Doch vergeß t nicht [ ...] daß euch geträ umt hat von mir, den anderen, [ ...] der Unbekannten, die auf nassen Füß en kommt und von deren Kuß ihr zu sterben fürchtet.") Die nassen Füße können hier auch eine Hindeutung auf das Motiv des nackten Fußes ( ) sein, das wir in der Staufenberg-Sage finden (s. Kapitel II.).

Diese Elemente identifizieren die Ich-Erzä hlerin mit der Märchenfigur. Diese Identifikation ist aber nicht so eindeutig, sondern ist nur ein Hinweis auf die Ä hnlichkeit zwischen ihnen. Ihr Schicksal erscheint vielmehr als ein sich immer wiederholendes ("Einen Fehler immer wiederholen, den einen machen, mit dem man ausgezeichnet ist.") durch den verallgemeinernden, zeit- und raumlosen Stil. Undine verkörpert hier - wie auch in allen anderen Werken der Undine-Literatur - wiederum die eine der in der Erzä hlung gegenübergestellten Sphä ren und ihr letzter Ruf gilt der ganzen Mä nnergesellschaft.

Der nä chste Schwerpunkt der Interpretation ist eben die Auslegung der (uns aus anderen Werken schon wohl bekannten) beiden Sphä ren, da die dichterische Aussage vielleicht hier am wenigsten eindeutig ist. Auf jeden Fall können wir von der Feststellung ausgehen, daß die Erzä hlung auf den Gegenpolen aufgebaut ist, die die "Haupthelden" Undine und Hans vertreten. Die Anführungszeichen sind hier deshalb nötig, weil sie keinesfalls reale Helden, sondern vielmehr nur Sinnbilder sind: Symbole, die nichts genau erklä ren, sondern nur die Grundstimmung ahnen lassen. Die einander gegenübergestellten Stimmungen werden durch Farben, Gegenstä nde, Ereignisse und Namen dargestellt.

Die erste Sphä re wä re dieser Auslegung nach die weibliche, die sonderliche, der Bereich der Natur, des Wassers, der Gerechtigkeit, der Fruchtbarkeit und der Trä ume. Die Ich-Erzä hlerin gehört durch ihre Identifikation mit Undine, der Nichtmenschlichen in diese Sphä re, trotzdem ermöglicht sie uns, die dargestellte Welt aus beiden Gesichtswinkeln zu betrachten, vor allem durch Zitieren und Beschreibung der Gedanken und Taten aus der anderen Sphä re. Wir erfahren auch noch, daß die Gefühle der Ich-Erzä hlerin demgegenüber ziemlich ambivalent sind: der sich immer mehr steigernde Haß - besonders in den Anreden - wechselt sich mit der Liebe ab: "Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!" , "Ihr Ungeheuer mit euren Frauen!" , "Verrä ter!" und auf der anderen Seite: "Wenn das Gestä ndnis abgelegt war, war ich verurteilt zu lieben." , "Nie war so viel Zauber über den Gegenstä nden, wie wenn du geredet hast und nie waren Worte so gut überlegen." (ob "das Geständnis" hier eine Anspielung auf die Schwur des Mannes ist, daß er ein Tabu nicht verletzt - wie in den Geschichten der gestörten Mahrtenehe -, ist nicht gewiß.) Sie nennt die Menschen Ungeheuer, weil sie sie angelockt und verraten haben. Was Undine lockt ist "die wunschtraumartige Vorstellung vom Undinischen, die die Menschen zu konzipieren fähig sind. Verrat aber gibt es zweierlei: Verrat der Menschenwelt an das Undinische durch die, die sich damit einlassen, und Verrat gegen Undine durch das verteufelnde Zurückweisen, damit die Menschenwelt in Ordnung und gesichert bleibe."(17.)

In der anderen Sphä re, der vielleicht als die mä nnliche, rationale oder alltägliche bezeichnet werden kann, sind ä hnliche Gefühle zu beobachten: die Verachtung mit der Sehnsucht abwechselnd zeigt die gleiche Ambivalenz: "Und hast du nicht gelacht und im Übermut gesagt: niemals schwer nehmen, nie dergleichen schwer nehmen." , und "nun hören sie es ganz deutlich: den Schmerzton, den Ruf von weither, die geisterhafte Musik: Komm! Komm! Nur einmal komm!". Diese widersprüchlichen Gefühle zeigen, daß die beiden Sphä ren sich nacheinander sehnen, aber keine von ihnen ihre eigene Grenzen übertreten kann. Um die Beziehungen zwischen ihnen besser zu verstehen, muß man aber die zwei Ebenen auch einzeln betrachten.

Was die Undine-Sphä re betrifft, könnten wir sie auch Wasser-Sphäre nennen, da das Motiv des Wassers - wie im ursprünglichen Stoff - mit ihr sehr eng verknüpft ist, beziehungsweise die verschiedene Stimmungen, Ereignisse und Ä nderungen oft durch Wasser-Bilder symbolisiert werden. Die Sinnlichkeit dieser Bilder begünstigen die Wasserfarben, vor allem das Grün: "Ich liebe das Wasser, seine dichte Durchsichtigkeit, das Grün im Wasser und die sprachlosen Geschöpfe" , "Eine Handvoll Wasser habe ich über die Orte gesprengt, damit sie grünen mögen, wie Grä ber". Das Wasser kann auch zur Verewigung der Erlebnisse dienen: "Und wenn eure Küsse und euer Samen von der vielen groß en Wassern - Regen, Flüssen, Meeren - lä ngst abgewaschen und fortgeschwemmt sind, dann ist doch der Name noch da, der sich fortpflanzt unter Wasser, weil ich nicht aufhören kann, ihn zu rufen, Hans, Hans...". Das Wasser bindet die beiden Sphä ren zusammen, bildet aber zugleich die Grenze: "Wenn ich eines Tages freikam aus der Liebe, muß te ich zurück ins Wasser gehen. [ ...] Die nasse Grenze zwischen mir und mir..." Die Vielfalt der Erlebnisse und der von Undine bestandenen Proben wird ebenfalls mit einem Wasser-Bild ausgedrückt: "Und was hilft's dann, mit allen Wassern gewaschen zu sein, mit den Wassern der Donau und des Rheins, mit denen des Tiber und des Nils, den hellen Wassern der Eismeere, den tintigen Wassern der Hochsee und der zaubrischen Tümpel?" In den nä chsten Bildern ist das Wasser ein Symbol der alles erschütternden und vernichtenden Macht, die Undine in dem Augenblick erlebt, als Hans, der Alltagsmensch seine Illusionen loswird und einmal im Leben ausnahmsweise wahr redet, also für einen Augenblick in Undines Sphä re übertritt. ("Dann sind alle Wasser über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und ertrunken, und das Meer war ein machtvoller Seufzer, es schlug, schlug und rannte und rollte gegen die Erde an, daß seine Lefzen trieften von weiß em Schaum.") Das Wasser kann auch ein Sinnbild der Freiheit und Ungebundenheit sein, die für Undine lebenswichtig, für Hans aber verdä chtig, furchterregend und abstoß end sind: "Dann wuß tet ihr plötzlich, was euch an mir verdächtig war, Wasser und Schleier und was sich nicht festlegen läßt". In erster Linie geben die hier aufgezählten Symbole dieser Sphä re die mystische und zugleich sehr gefühlvolle Ausstrahlung. Diese Bilder sind so komplex, so sinnlich, fast berührbar, daß man anfä ngt, die den Gefühlen entsprechenden Worte nicht zu finden und daran zu zweifeln, daß sie überhaupt definierbar sind. Undines Anziehungskraft besteht im Werk vor allem in der mystischen Ausstrahlung dieser Sinnbilder.

Die andere Sphäre, die mit dem Namen Hans symbolisiert wird, wird als das Gegenteil dargestellt. Der Symbolwert des Namen Hans ist nicht kleiner, als der von Undine. Während jener ein sehr seltsamer ist, ist dieser vielleicht der populärste deutsche Name, getragen von tausenden von Männern, unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Lage oder ihrem Charakter. Er drückt keine besondere Persönlichkeit aus, deshalb ist er sehr geeignet, den "einen von vielen" zu ergreifen oder eben die Gesellschaft der Alltagsleute zu symbolisieren. Der Name ist hier also ein Mittel der Verallgemeinerung. Ähnliche Beispiele sind in Thomas Manns Tonio Kröger (der blonde, alltägliche Hans mit blauen Augen) oder in mehreren Phrasen, wie "jeder Hans findet seine Grete" zu finden. Über die gleichzeitige Ähnlichkeit und Verschiedenheit der Männer schreibt Bachmann mit einem Hauch von Ironie: "Ja, diese Logik habe ich gelernt, daß einer Hans heißen muß, daß ihr alle so heißt, einer wie der andere, aber doch nur einer." "Ich habe einen Mann gekannt, der hieß Hans, und er war anders als alle anderen. Noch einen kannte ich, der war auch anders als alle anderen, und er hieß Hans, ich liebte ihn." Die Enttäuschung, daß keiner von ihnen besser ist, als der andere, wird hier mit der Bewunderung gemischt, daß sie sich voneinander doch unterscheiden, daß keiner mit dem anderen gleich ist. In diesem Dilemma erscheint symbolisch vielleicht auch der ewige Konflikt zwischen Uniformisierung und Individualismus, mit dem in der Novelle auch Bachmanns Undine nicht klarzukommen scheint. Außer dem Namen erfahren wir über diese Sphäre am meisten, wenn wir die Beschreibungen, in erster Linie die Bilder aus dem Alltagsleben beobachten. Dieses Leben ist in der Erzählung mechanisch, entfremdet, eintönig und lügnerisch. Auch die langen Aufzählungen heben diese Monotonie und Gleichgültigkeit hervor: "Die ihr die Frauen zu euren Geliebten und Frauen macht, Eintagsfrauen, Wochenendfrauen, Lebenslangfrauen und euch zu ihren Männern machen laßt." "...daß ihr euren Frauen Geld gebt zum Einkaufen und für die Kinder und für die Sommerreise."

Gegensätze und Widersprüche sind aber nicht nur zwischen den Sphären, sondern auch in den Sphären zu finden. Die ambivalenten Gefühle innerhalb der Persönlichkeit, das einander und sich selbst Belügen, die Unfähigkeit, mit- und ohne einander zu leben, erscheinen parallel. ("Ihr kauft und läßt euch kaufen " , "Ihr Betrüger und ihr Betrogenen" )

Da im Text die individuellen Probleme und die Probleme der interpersonalen Beziehungen so komplex dargestellt werden, finde ich es nicht korrekt, die Interpretation auf die eine oder andere Möglichkeit zu verengen, wie es bei der Interpretation der Feministen der Fall war. Sie haben die Erzählung nämlich als ein politisches Werk betrachtet und auf ihre Fahne gesteckt. Dieser Interpretation nach wäre das Grundproblem des Werkes der Konflikt zwischen der "ungeheueren, verständnislosen und mechanischen Männerwelt, die die Welt regiere", und den Frauen, die "unterdrückt und nie verstanden" seien. Das ist aber nur ein Bruchstück der Wahrheit, das aus dem Ganzen herausgenommen und bis ins extrem gesteigert wurde. Das Wesentliche in diesem Werk ist meiner Meinung nach eben die Vielfalt der Widersprüche und der verschiedenen Perspektiven, und ich glaube, daß es ein Mißbrauch ist, diese Erzählung einseitig politisch zu benutzen, da es wahrscheinlich nicht die Absicht der Autorin war. Bei einer umfassenden Interpretation sollen wir auf keinen Fall außer acht lassen, daß die Grundsituation, der Gegensatz zwischen dem realistisch denkenden und sich für seine Existenz aufgebenden Karrieremenschen: dem Mann, und der gefühlvollen, reinen, in die Roheit der Männerwelt nicht hineinpassenden Frau, von Bachmann in eine globale Unvereinbarkeit zwischen Alltagsmenschen und Sonderlingen, Alltagsleben und Kunst, Liebe und Haß, Treue und Lüge, Wasser und Festland, Natur und künstliche Welt, Nichtmenschliche und Menschliche verbreitet wird, mit der verzweifelten und hoffnungslosen Sehnsucht jedes Gegenpols nach dem anderen. Jede Seite versucht die Flucht vor der Versuchung umsonst, auch wenn sie sich immer tiefer in ihre eigene Sphäre hineinsperrt: " Aber die Männer schweigen dazu. Fahren ihren Frauen, ihren Kindern treulich übers Haar, schlagen die Zeitung auf, sehen die Rechnungen durch oder drehen das Radio laut auf und hören doch darüber den Muschelton, die Windfanfare [ ...] und nun hören sie es ganz deutlich: den Schmerzton, den Ruf von weither, die geisterhafte Musik. Komm! Komm! Nur einmal komm!" Je mehr sie einander loswerden wollen, desto mehr sehnen sie sich nacheinander. Es gibt nicht einmal am Ende der Erzählung eine Lösung. Undine "geht", ihre Gedanken bleiben aber bei Hans, dem verachteten und bewunderten Mann. Es gibt keine Beruhigung, nur Fragezeichen. Diese Fragezeichen charakterisieren aber nicht nur den Ausklang der Erzählung, sondern auch die Interpretation selbst, da sich keine Aussage im Werk als die einzig wichtige oder beste erklären läßt.

Zunächst möchte ich noch auf einige wiederkehrenden Motive der Erzählung eingehen, die ebenfalls zur Darstellung von Undines Charakter beitragen, indem sie stimmungsmäßig zu ihrer Aura gehören, oder sie gerade durch ihre Gegensätzlichkeit hervorheben. Das wichtigste und umfassendste Motiv ist ohne Zweifel das Wasser, mit dem ich mich schon beschäftigt habe. Vielleicht nicht so auffällig, aber ebenso wichtig ist das nächste Motiv: der Tod, der eigentlich schon im Titel erscheint und das ganze Werk durchwebt. Jede Äußerung der Ich-Erzählerin ist im Hintergrund auf das "Gehen" gerichtet. Wenn wir den ursprünglichen Undine-Stoff betrachten, können wir zwar nicht mit Gewißheit sagen, ob dies wirklich den Tod oder nur die Rückkehr in die Wasserwelt der Nixen bedeutet. Selbst wenn es sich nur um das letztere handeln würde, würde es aus der Perspektive der Beziehung zwischen Mensch und Nixe eine Art von Tod bedeuten. Auch bei anderen Autoren des 20. Jahrhunderts finden wir Beispiele dafür, daß der Tod als die andere, unsichtbare Seite des Lebens dargestellt wird ( z B. Rilkes "Malte" oder Brochs "Der Tod des Vergil" )

Wenn man aber Bachmanns Denkweise kennt, hat man das Gefühl, daß es sich hier um mehr als bloß um eine Trennung handelt. Sie versucht die Erfahrung ihres ganzen Lebens in einem Abschiedsmonolog zu erzählen und damit auf unseren Verstand, aber vor allem auf unsere Gefühle zu wirken. Sowohl ihr Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan", als auch diese Erzählung wariiert das Thema der Tödlichkeit der unbedingten Liebe. "Zwischen solcher Liebe und dem in Maßen und Konventionen sich haltenden Leben gibt es keine andere Vermittlung als diejenige des Untergangs, so daß gerade diese Liebe nicht die große Liebe wäre, die sie - auch aus der Perspektive des beschränkten Lebens - ist, wenn sie nicht die unglückliche, die tödliche Liebe wäre, wie es alle großen Liebespaare der Liebesmythologie beweisen. [ . . . ] Solche Liebe ist eine Herausforderung an die Welt. [ . . . ] Wer das große Gefühl in eine normale Ordnung aufheben will, löscht es aus. Es gibt keine Steigerung der Liebe in eine lebensmögliche und lebenslängliche Ordnung hinein. Es gibt nur die Steigerung in den Tod."(17.)

Die Gründe des tiefen Todesgefühls der Autorin, die zu einem derartigen "Aufruf zum Tod" geführt haben, sind in Bachmanns Lebenslauf zu suchen. Im Jahre des Anschlusses (1937) war sie 11 Jahre alt, und das Erlebnis hatte eine bestimmende Wirkung auf ihr weiteres Leben: "» Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert. Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Klagenfurt. Es war so etwas Entsetzliches, daß mit diesem Tag meine Erinnerung anfängt: durch einen zu frühen Schmerz, wie ich ihn in dieser Stärke vielleicht überhaupt nicht mehr hatte... Diese ungeheuerliche Brutalität, die spürbar war, dieses Brüllen, Singen und Marschieren - das Aufkommen meiner ersten Todesangst.« Diese Todesangst hat ihr Leben und ihr Werk gezeichnet - der Roman Malina von 1971 aus dem unvollendet gebliebenen Zyklus Todesarten und ihr qualvoller Tod bezeugen es."( 5.) Erst im Besitz dieser Information verstehen wir, daß das Todesgefühl, das das ganze Leben der Autorin bestimmt hat, sich in jeder ihrer Zeilen verborgen hält. Ihre Undine spricht an der Grenze zwischen Leben und Tod über das Leben als etwas Vergangenes (auch sprachlich: sie verwendet die Tempora Präteritum und Perfekt) und versucht, sich selbst davon zu überzeugen, daß sie das Leben nicht mehr bejahen soll.: "Ich werde nie wiederkommen, nie wieder Ja sagen und Du und Ja." Der Abschied erscheint später in einem ganz konkreten Gleichnis: in einer Bahnhofszene: "Wir standen auf einem Nordbahnhof, und der Zug ging vor Mitternacht. Ich winkte nicht; ich machte mit der Hand ein Zeichen fürs Ende." Die kurzen Sätze betonen die ernste Aussage: "Es ist der Tod darin. Und: Es ist die Zeit daran. Und zugleich: Geh Tod! Und: Steh still, Zeit!". Zwei Absätze später kehrt dasselbe mit unterschiedlicher Interpunktion wieder, und mit welch unterschiedlicher Bedeutung!: "Geh. Tod, und steh still.Zeit. Keiner Zauber nutzen, keine Tränen, kein Handeverschlingen, keine Schwüre, Bitten. Nichts von alledem." Vielleicht ist in diesen Sätzen die Veränderung, die Zuwendung zum Tod und der Prozeß der Selbstaufgabe am auffälligsten, gerade weil die Ähnlichkeit der beiden Formulierungen den wesentlichen Unterschied hervorhebt. Der Ausklang der ersten Version strahlt noch einen Hauch von Hoffnung aus, während die zweite schon den Verzicht aufs Leben formuliert. Die Wiederholung klingt wie das Ticken einer Uhr, die die letzten Sekunden des Lebens zählt: "Ruf zum Ende. Zum Ende." Ihre Unsicherheit spiegelt sich in den widersprüchlichen Aussagen, wie "Für das Ende, das kein Ende findet" und "...damit nicht so geschieden wird. Damit nichts geschieden wird", wieder. Der Seiltanz zwischen Leben und Tod gibt der Erzählung eine überirdische Färbung, und die mystische Ausstrahlung, die auf unsere Gefühle so große Wirkung hat, ist zum Teil auch diesem Motiv zu verdanken.

Neben den zwei Hauptmotiven sind im Werk noch weitere, viel mehr verborgene Motive, wie zum Beispiel das Denken, Sprechen und Verstehen. Sie werden vor allem in Bezug auf die Freiheit - die ebenfalls ein wichtiges Motiv ist - verwendet, das heißt, zum Ausdruck des Gedankens, daß man nur dann ein freies und vollständiges Leben führen kann, wenn man das Recht und den Mut hat, etwas auszusprechen, ohne Lügen zu denken oder etwas nicht zu

verstehen. Dieser Gedanke wird in der Erzählung auch unmittelbar formuliert: "ich konnte eintreten mit dem Blick, der auffordert: Denk! Sei! Sprich es aus!
- ich habe euch nie verstanden, während ihr euch von jedem Dritten verstanden wußtet. Ich habe gesagt: Ich verstehe dich nicht, verstehe nicht, kann nicht verstehen!"
Die Art, wie die Autorin ihre Heldin sich über das Aussprechen der Wahrheit äußern läßt, spiegelt am besten ihre persönliche Einstellung zum Thema wieder. Durch die Selbst-Identifizierung mit Undine "wird ihre Stimme zum authentischen Organ des Schmerztons und ihr Schreiben damit zugleich zum wirksamsten Instrument der eigenen Selbstbehauptung."
(6.)

Für Bachmanns Undine ist aber nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form des Ausgesagten sehr wichtig. Manchmal spielen sie sogar eine gleich große Rolle. Sie und Hans lernen eine neue Sprache, um sich verstehen und verständigen zu können. (Dasselbe erscheint in dem schon erwähnten Hörspiel "Der gute Gott von Manhattan", wo der Hauptheld zu seiner Geliebten folgendes sagt: "Ich weiß nichts weiter, nur daß ich hier leben und sterben will mit dir und zu dir reden in einer neuen Sprache") Damit kommt zum Ausdruck, daß Bachmann der Menschheit selbst eine neue Sprache beibringen will.:"Und ich wußte plötzlich: alles ist eine Frage der Sprache und nicht nur dieser einen deutschen Sprache, die mit anderen geschaffen wurde in Babel, um die Welt zu verwirren. Denn darunter schwellt noch eine Sprache, die reicht bis in die Gesten und Blicke, das Abwickeln der Gedanken und den Gang der Gefühle, und in ihr ist schon all unser Unglück. Alles war eine Frage, ob ich das Kind bewahren konnte vor unserer Sprache, bis es eine neue begründet hatte und eine neue Zeit einleiten konnte." (I. Bachmann, 7.) Die Symbolsprache, die "bis in die Gesten und Blicke" reicht, hilft ihr, die Erzählung zu lyrisieren und das Wesentliche in sinnlichen Bildern, sehr tiefgehend darzustellen. "Die Bachmann kommt von der Lyrik her, man spürt es in ihren sinnfälligen Bildern. Da gibt es keine schludrigen Sätze, keine flüchtigen Dialoge, da ist alles durchdacht, gestaltet, geformt."(7.) Die Erzählung ist voll mit Musikalität, was wiederum der Bestrebung dient, die Bilder auf alle Sinnesorgane wirken zu lassen. Bachmanns Bilder sind die der Grenzlosigkeit und der unformulierbaren Schönheit, die uns trotz der melancholischen und manchmal zum Äußersten erbitterten Grundstimmung faszinieren und unter dessen Wirkung wir uns instinktiv in die Richtung bewegen, die sie in uns hypnotisiert.

"Ingeborg Bachmanns Poesie - und ihre novellistische Prosa gehört wahrlich dazu - gelingt es, auch in dieser Zeit Poesie zu sein, also den kommenden härteren Tagen einen schwerbeschreibbaren, begläubigten Widerstand durch die Form, durch das Mitschwingen der mitleidenden Seele zu leisten, welches sich im Rhytmus und im Melodischen kundtut."

/Joachim Kaiser/