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Ausblick

 

Am Ende meiner Forschung kann ich nichts anderes feststellen, als daß das Motiv der Meerjungfrau die ganze deutsche Literatur durchzuweben scheint, unabhängig von Epochen und Stilrichtungen. Ich versuchte von diesem großen Gewebe einige bunten Fäden herauszugreifen, um zu zeigen, wie vielfältig die Gestalt der kleinen Nixe im Bewußtsein der deutschen Dichter lebt.

Natürlich gilt dies nicht allein der deutschen Literatur, sondern auch anderen Künsten überall auf der Welt. Zahlreiche Opern und andere Musikstücke beweisen die Beliebtheit des Motivs, um nur einen Beispiel zu nennen, die weltweit bekannte romantische Oper "Rheingold" von R.Wagner.

Flimmert der Fluß,
flammet die Flut,
umfließen wir tauchend,
tanzend und singend,
im seligen Bade dein Bett!
Rheingold! Rheingold!
Heiaja heia! Heiaja heia!

Wagner hat noch am letzten Abend vor seinem Tode das "schöne deutsche Märchen", die Undine von Fouqué vorgelesen und sich ans Klavier setzend die Schlußworte "jenes wehmütigen Rheintöchtersanges" angestimmt.(vgl.19.)

Auch in der Bildhauerei finden wir ein weltberühmtes Werk, die Skulptur von Hans Edvard Eriksen in Kopenhagen, die die kleine Seejungfer verewigt. Die Statue ist seit ihrer Errichtung (1913.) zum Symbol der Stadt geworden.

In dem letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts scheint die kleine Meerjungfrau in die USA übersiedelt zu haben: sowohl der Walt Disney-Zeichentrickfilm "The Little Mermaid" /1990./, als auch das mit ungeheuerer Investition angefertigte Hollywood-Produkt "Waterworld" /1995./ sind Zeugen von dem Weiterleben der zauberhaften Wasserwelt im Bewußtsein des heutigen Menschen. Diese Märchenwelt hat sich nun auch in den modernsten Medien angesiedelt. Auch der amerikanische Fotograf Howard Schatz wurde von ihr zum Schaffen faszinierender Unterwasseraufnahmen inspiriert, dessen Ergebnis die einzigartige Reihe "Water Dance" (1995.) ist.

Die Entwicklung der Technik bringt die Menschen allmählich zur Erforschung, oder sogar zur tatsächlichen Bevölkerung der Meerestiefe. In gewisser Hinsicht könnten wir deshalb auch die verschiedensten Werke der modernen Sci-fi-Literatur in unseren Betrachtungen einziehen, da sie als die zeitmäßige Fortsetzung des Themas "Elementargeist" aufgefaßt werden können. Sie haben nämlich nur die Belebung der bereits zum großen Teil erforschten Wassersphäre mit der Belebung des unerforschten Weltalls vertauscht, und der Anlaß war eigentlich dasselbe, wie bei jenen Werken in der Vergangenheit...

Diese Gedanken führen uns aber schon zu weit von dem ursprünglichen Motiv. Um diese kleine Welt- und Zeitreise zu beenden, kehre ich deshalb mit Gottfried Benns Worten auf deutschen Boden zurück:

Liebe - halten die Sterne
über den Küssen Wacht,
Meere - Eros der Ferne -
rauschen, es rauscht die Nacht,
steigt um Lager, um Lehne,
eh sich das Wort verlor,
Anadyomene
ewig aus Muscheln hervor.

/Liebe (15.)/

Undine hat zwar viele Namen und Gesichter, aber sie ist ewig und wird noch lange viele Schiffer auf dem Meer der Künste bezaubern und verführen, viele Künstler zum Schaffen anregen. Auf eine Verführung dieser Art kann man sich aber nur freuen, denn sie bereichert uns mit den verschiedensten literarischen Erlebnissen. Ich kann deshalb auch den kommenden Generationen nur wünschen, daß die kleine Nixe immer die Möglichkeit habe, ihnen ihre Zauberkünste zu zeigen , wie sie sie mir gezeigt hat.