VIII.

Das zwanzigste Jahrhundert

 

Man würde kaum denken, daß die im allgemeinen Bewußtsein als eine romantische Märchenfigur existierende Undine auch in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts in so vielen Formen erscheint. Im folgenden zeige ich für ihre unterschiedliche Darstellung durch verschiedene Autoren einige interessanten Beispiele.

 Rainer Maria Rilke: Insel der Sirenen

Wenn er denen, die ihm gastlich waren,
spät, nach ihrem Tage noch, da sie
fragten nach den Fahrten und Gefahren
still berichtete: er wußte nie,

wie sie schrecken und mit welchem jähen
Wort sie wenden, daß sie so wie er
in dem blau gestillten Inselmeer
die Vergoldung jener Insel sähen,

deren Anblick macht, daß die Gefahr
umschlägt; denn nun ist sie nicht im Tosen
und im Wüten, wo sie immer war.
Lautlos kommt sie über die Matrosen,

welche wissen, daß es dort auf jenen
goldnen Inseln manchmal singt -,
und sich blindlings in die Ruder lehnen,
wie umringt

von der Stille, die die ganze Weite
in sich hat und an die Ohren weht,
so als wäre ihre andre Seite
der Gesang, dem keiner widersteht.

Das Gedicht ist 1907 entstanden. Der Topos der Sirenen entspricht hier noch dem traditionellen (im Gegensatz zu den späteren Werken von Kafka und Brecht /s. unten/ ), zugleich aber ist er völlig depersonalisiert, entmythisiert. Nicht eine konkrete Wasserfrau ist auf den Inseln, sondern ein unbestimmtes “es”. Der Wechsel vom Singular und Plural im Gedicht (Insel ð  Inseln, er ð  die Matrosen) dient einer weiteren Verallgemeinerung. Die hinweisenden Pronomina weisen nicht mehr hin, sie sind unpersönlich geworden.

Interessant ist auch, daß die vom Dichter dargestellte Bilder fast ganz lautlos sind: sie wirken vor allem auf unsere Augen, nicht auf unser Gehör. Da die Sirenen im allgemeinen für ihren verführerischen Gesang bekannt sind, gilt diese Stille als ein Bruch mit der Tradition, wofür wir ein noch schöneres Beispiel im Werk von Kafka (s. unten) finden. Die Stille wird etwa durch das Licht, die “Vergoldung” erzeugt und dadurch verbildlicht. “Alles stoffliche, das dem Bild der Inseln noch innewohnen mochte, wird in eine Vision aufgehoben.”(20.)

Die dargestellte Meeresstille, die sowohl außen als auch innen herrscht, verwandelt den Außenraum in Innenraum. Die Verlagerung einer epischen Handlung ins Innere des Erzählenden ist für Rilkes Dichtung charakteristisch. Dieses Mittel “nimmt der Erzählung die Wucht der Ballade und fängt sie in die Unzeitlichkeit eines lyrischen Augenblicks ein.”(20.)

Das Gedicht besteht aus zwei langen Sätzen, die, wie die Fluten des Wassers, die fünf Strophen durchziehen. Der erste Satz ist wie eine Erinnerung, in der sich noch ein bißchen Erwartung und etwas mehr Bewegung versteckt. Im zweiten Teil trifft aber die Stille die Lauschenden, die “blindlings” dahinrudern, als würde die Stille ihnen den Atem verschlagen. Die Szene ist fast wie das Gegenteil des alten Zauberlieds: “als wäre ihre andre Seite der Gesang”. Erst in diesen letzten Worten erscheint die Möglichkeit, daß der Gesang wieder ertönt, jedoch mit dem Konjuktivform “wäre” verbunden, die lediglich eine Hoffnung in sich trägt.

Franz Kafka:

Kafka läßt sich in der Nixenliteratur mit einer Gescichte vertreten, der den Titel “Das Schweigen der Sirenen”/1917/ trägt und in dem dritten seiner “Oktavheften” erschienen ist. Das ist eine jener von ihm wohl bekannten Schriften, die zugleich Fabel und Kommentar sind, und zwar eine Bearbeitung und Weiterführung der homerischen Begegnung des Odysseus mit den Sirenen, in der dieser sich an seinem Schiff befestigen läßt, um durch ihren Gesang nicht verführt und von seinem Ziel abgelenkt werden zu können. Kafkas Odysseus geht einen Schritt über die homerische Tradition hinaus: er stopft sowohl den Gefährten als auch sich selbst die Ohren mit Wachs zu unt fährt - mit den Worten des Dichters - “in unschuldiger Freude über seine Mittelchen” den Wasserfrauen entgegen. Dieser Tat ist symbolisch zu interpretieren: Während der mythische Held sich der Begegnung mit dem Zauber aussetzt, betäubt sich der moderne im wahren Sinne des Wortes. Die Sirenen haben aber “eine noch schrecklichere Waffe, als den Gesang, nämlich ihr Schweigen.” Dieser Odysseus ist überzeugt, daß das Nichts, das er “hört”, dem Wachs zuzuschreiben ist, obwohl die Sirenen diesmal tatsächlich nicht singen. “Flüchtig sah er zuerst die Wendungen ihrer Hälse, das tiefe Atmen, die tränenvolle Augen, den halb geöffneten Mund, glaubte aber, dies gehöre zu den Arien, die ungehört um ihn verklangen.” Odysseus sieht die Wasserfrauen zwar in allen Einzelheiten, sogar ihre Gesten interpretiert er als Begleiterscheinungen der Verlockung. Da aber diese Verlockung seinem Gehör gilt, bleiben die Erscheinungen ohne Wirkung. Nur der Ton gibt ihnen Sinn, ohne ihn werden die Zauberinnen zum leeren Bild. “Die Sirenen sind zu Automaten der Verführung herabgesunken, deren Technik der Mensch zu durchschauen vermeint.”(20.) Es handelt sich hier aber nicht mehr um die homerische Entschlossenheit von Odysseus, den Zauber zu besiegen, sondern lediglich um eine selbstgewählte Taubheit, durch die er sich von Sieg oder Niederlage völlig ausschließt. “Bei Homer trat der Mensch dem Element, der Mann der Magie entgegen. Bei Kafka weicht er freiwillig dem Abenteuer aus.”(20) Die Sirenen erleben die Situation ähnlicherweise. Sie wissen auch nicht, daß die Wirkungslosigkeit ihres Schweigens an dem Wachs liegt. Sie glauben den Untergang ihrer Dämonie zu sehen. Ihre Gesten spiegeln ihr Staunen über dieses unerhörte Ereignis, nämlich daß ein Mensch an ihnen einfach unberührt vorübersegelt, wieder. Was zu einer Begegnung hätte führen können, wird zu einem beidseitigen Mißverständnis. Dieses Motiv ist für Kafkas Werke charakteristisch, in denen der Zweifel an der Fähigkeit der Sprache oft zum Ausdruck kommt oder sogar eine zentrale Position annimmt.

Überwunden, wollen die Sirenen nun “nicht mehr verführen, nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus wollten sie so lange als möglich erhaschen.” sie verzichten auf Sang und auf Schweigen. Sie stürzen aber nicht von ihren Felsen - wie es die homerischen Zauberfrauen tun. Ihr Stolz kann durch diese Niederlage nicht erschüttert werden. Diese Tatsache gibt ihrer Gestalt den Schein, als ob sie keine bewußte (und dadurch auch möglicherweise stolze) Wesen wären, sondern vielmehr eine Art von mythischer Mischform zwischen Mensch und Tier. (“Vogel mit menschlichem Haupt”(20.)) “Hätten die Sirenen einen Bewußtsein, sie wären damals vernichtet worden. So aber blieben sie, nur Odysseus ist ihnen entgangen.” Sie sind von dem homerischen Untergang zwar gerettet, sind aber dessen durch ihre Tiernatur nicht bewußt. “Was bleibt, ist das Lächeln einesw späteren Dichters über die Tatsache, daß es dem Menschen zwar möglich ist, sich seinem Schicksal zu entziehen, aber freilich nur dann, wenn dieses aufgehört hat, Schicksal, der Mensch aufgehört hat, Mensch zu sein.”(20.)

ƒ Bertolt Brecht:

Als ein äußerst extremes Beispiel für die Weiterführung des Themas “Wasserfrau” soll hier Brechts Ballade “Vom ertrunkenen Mädchen” stehen.

1
Als sie ertrunken war und hinunterschwamm
Von den Bächen in die größeren Flüsse
Schien der Opal des Himmels sehr wundersam
Als ob er die Leiche begütigen müsse.

2
Tang und Algen hielten sich an ihr ein
So daß sie langsam viel schwerer ward.
Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein
Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihre letzte Fahrt.

3
Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch
Und hielt nachts mit den Sternen das Licht in Schwebe.
Aber früh war er hell, daß es auch
Noch für sie Morgen und Abend gebe.

4
Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war
Geschah es (sehr langsam), daß Gott sie allmählich vergaß
Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar.
Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.

Wenn bei Kafka zu behaupten war, daß die einst mächtige, mythologische Gestalt der Sirenen einen Verlust an Zauber- und Anziehungskraft erlitten hat, gilt das noch mehr für Brechts Gedicht. Hier wird die wundersame Nixe bereits zum bleichen Phantom, zur einfachen Sterblichen, ja Gestorbenen degradiert. “Das Meerwunder als Wasserleiche - an dieser Verwandlung läßt sich das Wissen der westlichen Dichtung von sich selbst ablesen: in immer zunehmendem Maße haben die schöpferischen Kräfte des Unbewußten abgenommen, ist dem Gesang die Möglichkeit geschwunden, sich beschwörend und verführend mitzuteilen, hat sich ihm das kritische Bewußtsein als Anwalt des künstlerischen Gewissens in den Weg gestellt.”(20.) Die lyrische Darstellung eines so unlyrischen Themas ist einer der wohl bekannten Verfremdungseffekten Brechts. Das Bewußtsein des Modernen von dem falschen Zauber seiner Sprache hat als Folge, daß es die Künste seiner Poetik als Lüge bloßzustellen sucht. Das Mädchen im Wasser gibt sich stumm und willenlos, selbst von Gott vergessen der Verwesung hin. Die Frage der Mitteilung, die für die Romantik noch ein ästhetisches Problem war, ist zu einer Lebensfrage angewachsen: “Wo Wortzerfall den Wertzerfall spiegelt, bleibt eben als einziges Verständigungsmittel das Schweigen, eine Wortlosigkeit, die letztlich ebenso mißverständlich ist, wie die artikulierte Sprache selbst.” (20.)

Karl Krolow: Undine

Wozu sind Dichtungen gut,
Wenn nicht für den Tau.
/Pablo Neruda/

I.
Die rissigen Glasuren
Der Schattenfrüchte,
Durch die die Blitze fuhren,
Die dunklen Süchte:
Gestreichelt von den spitzen
Undinenfingern
Die leicht die Teichhaut ritzen
Und im geringern
Lichte der Dämmerung fühlen
Am Kern der Mandel
Die Bitternis, den kühlen,
Den Zeitenwandel.
Ihr Glieder, unvergänglich
Aus Mond und Zauber,
Olivenantlitz, bänglich
Beim Ruf des Tauber,
Mund, in die Luft geschnitten,
Sanft überm Glase
Des Wassers hingeglitten,
Verzehrt vom Grase!
Ein Bild im Wind, verflogen
Wie Ton der Biene,
Wie Echo hingebogen
Im Laub: Undine...

II:
Zweikampf der Schatten im Laub,
Leicht wie das Gleiten von Fischen,
Die in der Dämmerung verwischen,
Schuppen aus grünlichem Staub!
In der geronnenen Luft
Blitzen die Dolche der Fluten,
Ziehen wie Schiffe die Gluten
Des Kalmus vorüber als Duft.
Mit blauem Tau unterm Lid,
Tauchst du, den Nacken gebogen
- Den schweigsamen Schnee - aus den Wogen
Tauchst aus dem bronzenen Ried.
Unter die Otterhaut
Fahren die schwärzlichen Flammen
Der Hitze, schlagen zusammen
Über dir. feuriger Laut!

Und du läßt aus der Hand
Aale schlüpfen in raschen
Wind, der zerrissene Maschen
Der Netze treibt auf den Strand.
Messerwurf hing wie ein Schrei
Im Himmel von tödlicher Süße.
Wasser begrub deine Füße,
Stieg an der Stirn dir vorbei.
Tief in Gebüschen aus Zorn
Wuchsen die Fischerbrauen,
Drohten die Stimmen, die rauhen,
Unter des Mittagsmonds Horn.
Aber du hattest gemischt
Dich unter Vögel und Schatten,
Eins mit dem duftenden, matten
Teichfeuer, eh es erlischt.

Mit dem Gedicht von Karl Krolow /1952./ sind wir wieder näher an unsere traditionelle Vorstellung von Undine, der Nixe gekommen. Krolows frühe Dichtung ist besonders reich an Variationen zum Thema Naturmagie und Naturdämonie, wofür seine “Undine” ein schönes Beispiel ist. Im Bezug auf seine frühen Gedichte ist dem Dichter vorgeworfen worden, daß er nicht zeitgenössisch genug ist, bzw. daß seine Werke oft Imitationen sind. In seinen späteren Dichtungen kommt es bei ihm demgemeß zu einer Wandlung in eine Richtung, die von seinen Zeitgenossen als moderner angesehen wurde (z.B. Reimlosigkeit, spielerischer Stil usw.). An diesem Gedicht ist aber von dem späteren Stilwechsel noch nichts zu merken.

Das Gedicht besteht aus zwei Teilen, eigentlich aus zwei Teilgedichten, die sich voneinander unter anderem durch ihre unterschiedlichen Verslängen abgrenzen. Der erste Teil ist ein halb verwischtes Bild, eine Vision von der auf die Wasseroberfläche auftauchende Undine, sowie von der Natur, die sie umgibt und mit ihr eine perfekte Einheit bildet. Die Harmonie ist so vollkommen, daß man nicht immer entscheiden kann, wann es sich um die

Wasserfrau und wann um ihre Umgebung handelt. Die Bilder wirken auf alle unserer Sinnesorgane: wir spüren ihr Streicheln, hören das Echo, sehen das “Licht der Dämmerung”, fühlen den bitteren Geschmack der Mandel. Der nominale Stil verleiht dem Gedicht eine Bewegungslosigkeit und macht es zu einer einzigen langen Aufzählung der Gegenstände und Erscheinungen, die die geheimnisvolle Stimmung erzeugen. Die einzige Gedanke, die uns aus der Vision in die Realität der Gegenwart reißt, ist das Wort “Zeitenwandel”, das mit dem bitteren Geschmack der Mandel verbunden in der Zukunft etwas Dunkles sehen oder lieber nur ahnen läßt. In der nächsten Strophe tauchen wir aber wieder in die Wassersphäre: “Ihr Glieder, unvergänglich” bleiben von der Menschenwelt unberührt.

Im zweiten Teil kommt ein deutlicher Stimmungswechsel: die Bilder werden lebendiger, heißer, kriegerischer. Das spiegelt sich in einigen Schlüsselwörtern (z.B. Zweikampf, Dolche, Flammen, Messerwurf, Zorn, Drohen usw.) wieder. In den ersten fünf Strophen sind diese Bilder noch immer die der Natur: sowohl im Sturm als auch im Inneren der Nixe “Unter die Otterhaut / Fahren die schwärzlichen Flammen / der Hitze...”. Diese Unruhe in der Natur erscheint vielleicht als ein Warnzeichen für Undine, die von ihrer Neugier und ihrer Sehnsucht nach menschlichen Kontakten getrieben, vorhat, der Wasserwelt gegenüber untreu zu werden. Diese Erscheinungen sind zwar feurig, aber nicht gefährlich, solange die Natur über sie herrscht. Aber in der ersten Zeile der sechsten Strophe erscheint schon ein menschlicher Gegenstand, das Messer, erschreckend, “wie ein Schrei” . Die Folgen des “Messerwurfs” können zweierlei interpretiert werden. Aus den nächsten Zeilen (“...Im Himmel von tödlicher Süße. / Wasser begrub deine Füße) folgt, daß er der Nixe den Tod bedeutet, ich glaube aber, daß es sich nur um ihr Rückkehr ins Wasser handelt. Dafür spricht auch die letzte Zeile: Undine wird wieder “Eins mit dem duftenden, matten / Teichfeuer, eh es erlischt.” Die irdische Sphäre wird im Gegensatz zum harmonischen Naturwesen als eine fremde, bedrohliche, rauhe, mit Zorn volle Welt dargestellt. Während bei Heine die Nixen die Menschenwelt “mit Neubegier” und mit Vertrauen betrachten, hält Krolows Nixe von ihr Distanz. Der Widerspruch zwischen den beiden Sphären kommt in der letzten Strophe im ersten Wort “aber” am besten zum Ausdruck. Die Nixe taucht wieder unter, in ihr harmloses “Teichfeuer”, von der Menschenwelt wiederum unberührt. In diesem Teil wird Undine direkt angesprochen, während im ersten nur über sie erzählt wird. Das zeigt eine Annäherung des Dichters zu ihrer Sphäre. Er scheint auf jeden Fall auf ihrer Seite zu stehen und sich von dem anderen abzugrenzen: in der Endstrophe schildert er ihr Entwischen als einen Sieg.

“Die lyrische Dichtung Krolows, rund zwanzig Jahre umspannend, fesselt nicht allein darum, weil sie Poesie ist, sondern weil durch sie hindurch, in sehr persönlicher Modulation, auch die allgemeine, an Freiheiten und Fremdheiten, an Versuchen und Funden so reiche Sprache der modernen Lyrik jener Art hörbar ist, die mit Rimbaud begonnen, bei den deutschen Expressionisten und den französischen Surrealisten sich fortgesetzt und nach dem zweiten Weltkrieg überall sich verfeinert [...] hat. Vieles, vielleicht das meiste in den Versen Krolows wirkt vorwiegend durch seine Technik. In dieser sind Wort, Bild und Metrum zugleich Mittel wie Symptome eines Sehens, das die entfremdende Verwandlung des Vertrauten vornimmt, ähnlich dem Sehen von seinen »Gegenständen weit distanzierten Malers.«”

/Hugo Friedrich/