VII.

F. de la Motte Fouqué

 

Nun bin ich in meiner Suche nach den Inkarnationen der kleinen Meerjungfrau an das Werk angelangt, das meiner Meinung nach in der Undine-Literatur in der Mitte steht. Das heißt, wir könnten es auch als “Standard” bezeichnen, wenn es in Beziehung mit literarischen Werken angemessen wäre. Dieses Werk ist die Novelle des Romantikers Friedrich de la Motte Fouqué mit dem Titel “Undine” /1811./. Sie schildert zwar die “klassische” Undine - Geschichte und bildet damit zugleich den Grund vieler Neubearbeitungen, ist aber auf keiner Weise ein alltäglicher Fall. Immerhin lohnt es sich, im folgenden Teil meiner Arbeit das Werk etwas näher zu beobachten. Anschließend erwähne ich auch einige parallelen Dichtungen von ihm, die sich ebenfalls mit der Welt der Elementargeister beschäftigen, um zu zeigen, wie unübertrefflich vielfältig Fouqué das Thema behandelt hat.

Sowohl der Name Fouqué als auch seine Werke sind selbst viel gelesenen deutschen Literaturfreunden viel zu unbekannt. Es ist nämlich gar nicht leicht, den Namen Fouqés im Angebot einer kleineren Bibliothek zu finden. Und wenn man noch einige Zeilen über ihn in irgendeinem Lexikon findet, stehen diese fast immer im Zusammenhang mit seiner “Undine”. Mein Verdacht, daß dieser Mangel an Sekundärliteratur nicht nur die Schuld unserer Bibliotheken ist, hat sich bestätigt, als ich folgendes las: “Dem märkischen Baron Friedrich de la Motte Fouqué würde heute in einer Geschichte der deutschen Literatur kaum noch ein eigener Beitrag gewidmet werden, fände sich unter der Vielzahl seiner Dichtungen nicht jene anmutige Märchenerzählung »Undine«, der Willibald bereits voraussagte, daß sie »dereinst« in die klassischen Märchenbücher der deutschen übergehen werde. Diese Prophezeiung hat sich erfüllt. »Undine« ist des Dichters hohes, noch heute geschätztes Werk und eine der wenigen Schöpfungen der Romantik, die wirklich volkstümlich wurden. Was Fouqué sonst noch geschrieben hat, ist bis auf sein Märchen »Das Galgenmännlein« längst in Vergessenheit geraten, so sehr auch Romane und Dramen, umfangreiche epische Dichtungen, geistliche Gedichte und Kriegslieder, Arbeiten über Literatur- und Zeitgeschichte, Biographien und religiöse Schriften Zeugnis von dem Fleiß und von der Vielseitigkeit ihres Verfassers ablegen mögen. Immerhin bleibt bemerkenswert, daß Fouqué - im Gegensatz zu den meisten seiner dichtenden Zeitgenossen - einst zu den beliebtesten und meistgelesenen dichtern des deutschen Volkes gehörte.”(12.)

Die Nachwelt hat also Fouqués Werk nicht zu hoch geschätzt. Die Beurteilung seiner eigenen Zeitgenossen ist aber noch interessanter und weist eine gewisse Ambivalenz auf:, obwohl Märchen, Rittergeschichten und ~Dramen, von denen er mehrere schrieb, zu den beliebten Gattungen der Romantik zählten, ist ihm doch vorgeworfen worden, daß sein Stil zu “mittelalterlich” sei. Die Gründe für diese Vorwürfe sind vielleicht in seinem Lebenslauf und in seinem damit eng verknüpften Weltbild zu finden. Er entstammte einer altfranzösischen Adelsfamilie, die während der Hugenottenverfolgungen nach Deutschland emigrierte. Er studierte Jurispudenz in Halle, trat aber später - seinem Vater ähnlich - in die Armee ein und nahm am Rheinfeldzug und später an den Befreiungskriegen teil. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits ein vielbeachteter Dichter und stellte nun auch seine Feder in den Dienst der nationalen Bewegung. Nachdem er wegen seiner erschütterten Gesundheit aus dem Militärdienst ausscheiden mußte, lebte er in Zurückgezogenheit und sich ausschließlich seinem dichterischen Schaffen widmend. Zu der Zeit seines Todes war der Dichter schon fast völlig vergessen. Es kann mit seinem Lebensstil als Soldat und zugleich mit seiner Empfindlichkeit als Künstler, sowie mit seinem Glauben an Gerechtigkeit zusammenhängen, daß er “bis zu seinem Tode von der Notwendigkeit einer Wiederherstellung der von ihm ebenso phantastisch wie abenteuerlich geschilderten mittelalterlichen Zustände überzeugt war und daß dieses seinen Werken nicht selten einen Zug von Donquichotterie verleiht.”( 12.) Heine hat sich in seiner “Romantischen Schule” über das unterschiedliche literarische Schicksal seiner Dichtungen folgendermaßen geäußert: “Die retrograde Richtung, das beständige Loblied auf den Geburtsadel, die unaufhörliche Verherrlichung des alten Feudalwesens, die ewige Rittertümelei mißbehagte am Ende den bürgerlich Gebildeten im deutschen Publikum, und man wendete sich ab von dem unzeitgemäßen Sänger” Trotz dieser Kritiken war der Dichter zu seiner Zeit ziemlich beliebt - wie ich es schon erwähnt habe. Wir brauchen also nicht lange zu suchen, um auch positive Äußerungen über ihn zu finden, besonders was seine “Undine” betrifft. Heine erzählt z.B., daß er einmal in einer kleinen Harzstadt ein wunderschönes Mädchen getroffen habe, "welches von Fouqué mit entzückender Begeisterung sprach und errötend gestand, daß sie gern ein Jahr ihres Lebens dafür hingabe, wenn sie nur einmal den Verfasser der »Undine« küssen könnte."(19.) Heine selbst äußerte sich zum Werk folgendermaßen:“Welch ein wunderliebliches Gedicht ist die »Undine«! Dieses Gedicht ist selbst ein Kuß; der Genius der Poesie küßte den schlafenden Frühling, und dieser schlug lächelnd die Augen auf, und alle Rosen dufteten und die Nachtigallen sangen, und was die Rosen dufteten und die Nachtigallen sangen, das hat unser vortrefflicher Fouqué in Worte gekleidet, und er nannte es: »Undine«.”(12.) Diese poetisch formulierte Begeisterung ist natürlich ein anderes Extrem, ich glaube aber, daß es der Meinung der damaligen Öffentlichkeit näher steht. Fouqué selbst hat zum eigenen Werk gesagt: "Undine bleibt die erste Liebe, und die fühlt man nur einmal."(19.) Diese extremen Äußerungen über dasselbe Werk bestätigen auch die Hypothese, die ich am Anfang meiner Arbeit aufgestellt habe, nämlich daß man gegenüber Undine selten gleichgültig ist...

Fouqués Undine ist “vor vielen hundert Jahren” bei einem Fischerpaar als Pflegetochter aufgewachsen. Die eigene Tochter der Fischer war ertrunken, als sie drei Jahre alt war - wenigstens glaubten das die Eltern. Ritter Huldbrand wird während seiner Erkundigungsreise im gespenstischen Wald, auf den ihn die herzogliche Pflegetochter Bertalda geschickt hat, durch Geister ins Fischerhaus gelenkt. Er verliebt sich in Undine und heiratet sie. Er erfährt auch, daß diese eine Wasserfrau ist und nur durch die Liebe mit einem Menschen in den Besitz einer Seele gelangen könne. Sie ziehen in die Welt zurück, wo sie Bertalda kennenlernt. Bertalda erfährt von Undine, daß sie das eigene Kind der Fischer ist, reagiert darauf aber mit Enttäuschung und Haß und wird deshalb von den herzoglichen Pflegeeltern verstoßen. Undine nimmt sie zu ihrer Burg an der Donau mit, wo sich der Ritter immer mehr dem Menschenkind zuzuneigen scheint. Als der Ritter bei einer Schiffahrt - im Bereich der Wassergeister - Undine verwünscht, muß diese wieder ins Wasser zurück; ihre Ehe gilt jedoch weiter, und als der Ritter Bertalda heiratet, tötet sie ihn in der Hochzeitsnacht mit einem Kuß.

Wenn wir die verschiedenen bisher kennengelernten Varianten des Stoffes miteinander vergleichen, wird es eindeutig, daß die "alten Kunden" mit Fouqués Undine eine enge Verwandtschaft aufweisen. Der in der Romantik gängige Rückgriff auf alte Fabeln wurde für Fouqué zu gern geübten Praxis.

"Mit der Romantisierung dieses Stoffes ging jedoch auch eine Subjektivierung der vorgefundenen Fabel einher: Fouqué nutzte sie als Medium, ureigenste Leiderfahrungen zu artikulieren. Dem charmierenden Märchenton zum Trotz ist die Undine in hohzem Maß von autobiographischer Tragik durchzogen." - behauptet Arno Schmitt. Ich bin damit aber nicht einverstanden, daß dieses Werk ausschließlich dem Ausdruck eigener Leiderfahrung diene. Die Grundlage der Behauptung von A.Schmitt kann vielleicht die Tatsache sein, daß der Dichter z. B. die "ein Mann zwischen zwei Frauen"-Situation selbst erlebt hat, aber die Einstellung der tiefenpsychologischer Märchenforschung, die unter dem Einfluß Freuds in Beziehung mit romantischen Werken ziemlich modisch wurde, wäre in diesem Fall meiner Meinung nach ziemlich übertrieben. Nach dieser Auffassung wäre die Fahrt der Märchenhelden in die Unterwelt oder die Darstellung der überirdischen Sphäre eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Unbewußten, und die Figuren des Märchens würden Teilen der Persönlichkeit entsprechen.

In unserem Fall wäre das aber nicht besonders treffend. Man muß mit dieser Forschungsmethode viel vorsichtiger umgehen. Als Beweis würde ich z.B. die im Werk dargestellten Figuren erwähnen. Sie können nicht eindeutig mit einem einzigen Adjektiv charakterisiert werden, wie "gut", "böse", "mutwillig", "stolz" usw. Sie sind selbständige und ziemlich komplexe Persönlichkleiten, und eben diese Vielfalt macht es unmöglich, sie als Bestandteile einer "größeren" Persönlichkeit, nämlich der des Autors zu betrachten. Auf der anderen Seite sind sie aber Schöpfungen des Dichters, drücken als solche natürlich seine innere Welt aus und können die verschiedensten Dinge symbolisieren. Das können wir aber über fast alle literarischen Werke behaupten. Deshalb finde ich es nicht besonders gut, wenn man wahllos auf diese Theorie besteht.

Als ich angefangfen habe, die Märchenfiguren zu beobachten, fiel mir gleich die nächste Frage ein, mit der ich mich im nächsten Teil beschäftigen möchte. Diese Frage ist nämlich, warum wir sie immer als Märchenfiguren bezeichnen, und die sich daraus ergebende, worin die Märchenhaftigkeit des Werkes besteht. Als Gattungsbestimmung von Fouqués Undine traf ich voneinander unabhängig auf die folgenden Ausdrücke: "eine Erzählung", "märchenhafte Erzählung", "Märchenerzählung", "Kunstmärchen". Das Wort "Märchen" ist in fast in allen von diesen Bezeichnungen vorhanden. Wenn wir die Bedeutung dieses Wortes kennen, kommen wir der Antwort näher: "Märe /althd. mári, mhd. maere/ bedeutet zunächst Kunde, Bericht. Die Verkleinerungsform merechyn findet sich schon im 15. Jahrhundert. Sie erhielt bald eine pejorative Bedeutung, weil sie im Gegensatz zu wahren Berichten eine erfundene Geschichte bezeichnet."(3.) Es gibt auch andere Definitionsversuche, z.B. von den Gebrüdern Grimm: " eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte"(3.) Nach diesen Definitionen ist die Undine eindeutig ein Märchen, es ist eine erfundene Geschichte (das heißt eigentlich nur: nicht bloß eine Beschreibung der Wirklichkeit) und zugleich auch eine wunderbare Geschichte. Das Wunderbare scheint den meisten Definitionen nach eine wichtige Voraussetzung für ein Märchen zu sein und ist in unserem Fall in Hülle und Fülle vorhanden. Charakteristisch ist noch das allgemeine Schema des Märchens, von dem es natürlich auch Abweichungen gibt. Die wichtigsten Elemente von diesem Schema sind die folgenden:

 Schwierigkeiten und ihre Bewältigung oder Mangel und die Behebung des Mangels, eine Aufgabe und ihre Lösung.

In unserem Fall ist diese Aufgabe oder dieser Mangel in einem einzigen Konflikt nicht zu bestimmen. Es tauchen in der Erzählung mehrere Probleme auf, die gelöst werden müssen, zum Beispiel die Beseelung oder die Treue, obwohl beim zweiten die Lösung eine tragische ist und als solche von den meisten Zaubermärchen abweicht. Wenn ich doch einen zentralen Konflikt nennen müßte, würde ich es wieder etwas verallgemeinert in dem Kampf oder Unvereinbarkeit der irdischen und überirdischen Sphäre bestimmen, weil sich alle weiteren Probleme darum sammeln bzw. daraus entwickeln. “Eigentümlich für eine sich schon verbürgerlichende Romantik ist, daß die Gegensätzlichkeit von Natur und Menschenwelt sich als Kampf zwischen Magie und Ethik entwickelt. Diese Ethik ist in rituellen Formen und moralischen Werten des Christentums konkretisiert. In die Natur wird ein Drang zur Vermenschlichung hineingedeutet. [ . . . ] Als Nixe vertritt Undine die Natur und Huldbrand als Ritter die Menschen.”(17.)

Die Hauptfigur, die den Konflikt bewältigen muß, soll dem Schema nach kein Halbgott oder Heiliger, sondern ein Mensch sein.

Undine ist kein Mensch, sondern ein Wesen aus dem Bereich der Elementargeister. In diesem Punkt stimmt also unser Märchen mit dem Idealtyp wieder nicht überein, wo die Hauptfiguren meistens "schlecht behandelte Stieftöchter" oder "kleinste Söhne des armen Holzhackers" sind.

ƒ Die dritte Voraussetzung wäre, daß die Lösung meistens mit Hilfe übermenschlicher Mächte gelingt, die dem Helden beistehen oder ihm zauberkräftige Dinge geben.

Dieser "Jenseitiger" könnte hier der Oheim Kühleborn sein, obwohl für mich nicht eindeutig ist, ob er jedesmal, wenn er auftaucht, wirklich Hilfe leistet. Er tauscht Undine mit der Fischertochter aus und beschützt sie. Mit seiner Hilfe kommt auch der Pfarrer in die Fischerhütte, damit das junge Paar heiraten kann. Oheim Kühleborn tut alles für die Beseelung Undines, nachdem aber das gelingt, stellt er sich nicht immer in den Dienst des Ritters und Undines bzw. ihres Glücks. Das kann vielleicht damit erklärt werden, daß er selbst keine Seele besitzt und die Beseelten nicht verstehen kann. Er urteilt deshalb meistens nur nach dem äußeren Schein der Dinge. Indem er mehrmals unerwartet vor dem Ritter erscheint und obwohl er nur Undine beschützen will, wird er unbewußt zu einem der Gründe, warum dieser Undine verwünscht. ("Da griff plötzlich eine große Hand aus der Donau herauf, erfaßte das Halsband und fuhr damit unter die Fluten. Bertalda schrie laut auf, und ein höhnisches Gelächter schallte aus den Tiefen des Stromes drein. Nun hielt sich des Ritters Zorn nichr länger. Aufspringend schalt er in die Gewässer hinein, verwünschte alle, die sich in seine Verwandtschaft und sein Leben drängen wollten, und forderte sie auf, Nix oder Sirene, sich vor sein blankes Schwert zu stellen.") Seine schützende Hand wird dadurch zum Zerstörer des Friedens und als er Undine ins Wasser zurückbringt, bringt er für sie zugleich das ewige Unglück. Da er zum Schluß mit seinen Warnungen und Prophezeiungen doch recht hat, zeigt er, ganz seiner Natur als Nix entsprechend, der unglücklichen Wasserfrau Hohn und Schadenfreude. Bemerkenswert ist noch, auf welche Weise Onkel Kühleborn ins Spiel gebracht wird. Seine Gestalt ist “unübertrefflich gezeichnet”(18.): Er erscheint immer an sein Element gebunden: als weißer Mann, Bach oder Wasserfall, als Windhose und als Brunnenmeister. Ob er nur Schein oder Wirklichkeit ist, bleibt in der Schwebe. Er gehört wirklich zu "jener" Seite, über deren Regel irdische Wesen nie sicher sein können.

In dem idealtypischen Zaubermärchen gibt es immer einen Gegenspieler: eine böse Stiefmutter, neidische Brüder, Hexen, Drachen, usw. Im übrigen ist das Figurenarsenal sehr klein, es werden nur die Figuren genannt, die für die Handlung unentbehrlich sind. Der böse Gegenspieler kommt um, der Held jedoch gelangt zu Glück und Reichtum.

In unserem Märchen würden wir vergebens nach so einem Gegenspieler suchen. Die Figur Bertaldas erscheint zwar etwas unsympatisch, weil sie zwischen dem Ritter und Undine steht, wir haben aber nicht das Gefühl, daß sie das mit bösem Willen, absichtlich tut. Das Ende ist jedoch für alle drei Hauptfiguren tragisch: Undine muß ihren Geliebten töten, während Bertalda denselben verliert. Der Ritter bezahlt seine Untreue mit seinem Leben.

Es lohnt sich aber auch, die übrigen Figuren zu beobachten, zum Beispiel das Fischerpaar. Sie sind meiner Meinung nach typische Märcheneltern, besorgt um ihr Kind, gütig, einfach und ehrlich. Ähnliche Eigenschaften hat in anderen Märchen z.B. der alte König oder der arme Mann mit drei Söhnen. Andere Nebenfiguren, wie Wassergeister, Diener, usw. spielen keine große Rolle und verschwinden - dem Schema entsprechend - gleich nach ihrem Auftritt.

Formelhafte Elemente sind in einem Märchen fast immer zu finden, besonders am Anfang und Schluß: "es war einmal..." und "wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute".

Das gilt auch für den Anfang von Fouqués Werk: "Es mögen nun wohl schon viele Hundert Jahre her sein, da gab es einen alten, guten Fischer, der saß eines schönen Abends vor der Tür und flickte seine Netze." Der Ausdruck "viele Jahre her" drückt aus, daß das Märchen nicht an Zeit und Ort gebunden ist, was wieder eine typische Märcheneigenschaft ist. Dem tragischen Ende zum Trotz klingt auch das Ende ziemlich märchenhaft, das heißt, auf eine Zukunft hindeutend, aber nur ganz unbestimmt: "Noch in späten Zeiten sollen die Bewohner des Dorfes die Quelle gezeigt und fest die Meinung gehegt haben, dies sei die arme, verstoßene Undine, die auf diese Art noch immer mit freundlichen Armen ihren Liebling umfasse."

Ein weiterer Märchen-Charakterzug ist die Darstellung von Gefühlen durch Handlung.

In unserem Fall könnte ich die folgenden Beispiele nennen: Undine äußert ihre Freundschaft gegenüber Bertalda, indem sie ihr ein Korallenhalsband schenkt. Traurigkeit wird durch Weinen, Liebe durch Umarmungen und Küsse dargestellt.:"Oh, wenn ich sterben dürfte an einem Kusse von dir. [ ...] Bebend vor Liebe und Todesnähe neigte sich der Ritter ihr näher, sie küßte ihn mit einem himmlischen Kusse, aber sie ließ ihn nicht mehr los, sie drückte ihn inniger an sich und weinte, als wolle sie ihre Seele fortweinen. [ ...] » Ich habe ihn totgeweint« sagte sie zu einigen Dienern..."

Ich habe schon einmal behauptet, daß der Hauptkonflikt im Werk der der irdischen und überirdischen Sphäre ist. Ich glaube, daß dieses nicht nur für Fouqués Märchen, sondern für alle Werke der Undine - Literatur bestimmend ist. Es kann sogar die Essenz der Aussage von all diesen Werken sein. Sehr wichtig ist also, die beiden Sphären und ihre Erscheinungsformen in jedem Fall, - das heißt natürlich: auch in diesem zentralen Werk - gründlich zu beobachten. Sinnbilder für die Undine- und die Nicht-Undine-Sphäre sind immer das Wasser und das Festland. Das Wasser ist im allgemeinen ein Symbol der Ewigkeit und zugleich der Änderung. Als Undine "für immer" in den Fluten verschwindet, wird ihre Existenz ewig und damit auch ihre Liebe unvergänglich. Das ist eine natürliche Sphäre mit eigenen strengen Gesetzen, und ihre Klarheit wird durch die Wasserfarbe weiß symbolisiert (z.B. der weiße Mann). Zu dieser Sphäre gehören auch die Farben blau (z.B. "seeblaue Augenhimmeln") und gold (z.B. "goldne Haare" und "goldne Schlösser" unter dem Wasser), sowie Stoffe, wie Silber und Kristall. Es ist eine harmonische, idyllische Welt, wie in den "alten Zeiten". Diese Vorstellung über eine versunkene Welt (auch Atlantis-Motiv genannt) kommt in romantischen Werken sehr häufig vor (denken wir nur an "Heinrich von Ofterdingen" von Novalis oder an Hofmanns "Der goldene Topf"). Diese Vorstellung wird auch in der Wasserwelt (oder "Unterwelt", im engsten Sinne des Wortes) der "Undine" lebendig. ("In klingenden Kristallgewölben, durch die der Himmel mit Sonn' und Sternen hereinsieht, wohnt sich' s schön; hohe Korallenbäume mit blau und roten Früchten leuchten in den Gärten; über reinlichen Meeressand wandelt man und über schöne, bunte Muscheln, und was die alte Welt des also Schönen besaß, daß die heutige nicht mehr sich dran zu freuen würdig ist, das überzogen die Fluten mit ihren heimlichen Silberschleiern, und unten prangen nun die edlen Denkmale, hoch und ernst und anmutig betaut von liebenden Gewässer, das aus ihnen schöne Moosblumen und kränzelnde Schilfbüschel hervorlockt.") Die Aussage des Atlantis-Motivs hängt meistens mit dem Glauben an den Rückkehr eines glücklicheren Zeitalters zusammen. "Es ist das Denkbild von einer triadischen Grundfigur der Geschichte: 1. ein chaotischer, kindlich unschuldiger Urzustand der Menschheit, in dem sich Natur und » Geisterwelt« im Einklang befänden; 2. die gegenwärtige Epoche der Entzweiung und Entfremdung; 3. am Ende das » vernünftige Chaos« , der wiedergefundene » Einklang von Geist, Mensch und Natur auf höherer Stufe« "(14.)

Die andere Sphäre ist das Land, die Zivilisation, die Welt der Menschen. Ihre Farben sind bunt, hell und glänzend (z.B. die Kleider des Ritters oder das Bild des Rittergutes). Es ist die Welt der Rationalität und der materiellen Weltanschauung. Das wird beispielsweise durch Bertaldas ablehnende Reaktion auf die Nachricht, sie sei die Tochter der Fischer, ausgedrückt. Die Lage des Ritters ist wirklich eine "Mann zwischen zwei Frauen"-Situation, denn er gehört weder zur Sphäre Undines, noch zum Land, dem Bereich Bertaldas. Er ist träumerisch und leidenschaftlich, ein echter "mittelalterlicher" Ritter mit allen dazu gehörigen Tugenden, aber mit der Welt der Wassergeister und mit dem Leben auf der Halbinsel kann er nichts anfangen.

Mit dem Wort "Insel" ist aber gleich ein anderes Motiv aufgetaucht. Die oft als "Inseldasein" oder "Waldeinsamkeit" bezeichnete Lebensform ist in der Literatur ein beliebtes Thema. Sie symbolisiert meistens eine gewisse Isoliertheit von der entfremdeten Welt und zugleich eine Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit der Natur, die nur in dieser einsiedlerischen Zurückgezogenheit möglich ist. Auf der Halbinsel kann nichts schlimmes passieren, da es dort niemanden gibt, der in das Leben der sich liebenden Menschen eingreifen könnte. Daraus ergibt sich ein ziemlich ruhiger Lebensstil, der aber für den Ritter auf einmal zu ruhig wird und auch keine Herausforderung für seine ritterlichen Tugenden und seine Liebe bieten kann. Als Undine ihrer Beseelung bewußt wird, wünscht sie selbst, die Insel zu verlassen, ehe die alten Leute die Seele in ihr spürten, weil sie, wie es zu ihrem neuen Charakter auch gehört, ihnen den Schmerz ersparen will. “Trübe Vorahnungen der Leiden, die ihrer gerade wegen ihrer Beseelung harren, umdüstern schon jetzt ihre Seele, bevor sie noch über deren Besitz innig froh werden kann.”(19.)

Die Halbinsel, auf der die Fischer leben, wird durch die Natur, das heißt durch Wasser und Wald, von der Zivilisation getrennt. Das Inselleben ist dadurch eigentlich etwas Gegebenes und nicht frei Gewähltes. Wenn die Isolation nicht mehr besteht, treten gleich die Probleme auf (z.B. die Frage der Treue), die in der Einsamkeit gar nicht möglich gewesen wären. Der Wald spielt außerdem noch eine andere Rolle, es ist nämlich der Lebensraum verschiedener Geister und Erscheinungen. Es kann sich vielleicht daraus ergeben, daß der Wald in der Mythologie verschiedener Völker, vor allem in der der Germanen, der Aufenthaltsort der Götter war und in vielen Geschichten ein gefährlicher, gespenstischer, mystischer Ort ist (z.B. Robin Hood).

Ich habe schon früher über die Idee des herkunftsbedingten Liebeskonflikts geschrieben, der ein wichtiges Motiv der Weltliteratur ist und im Motiv der Mahrtenehe bis ins Extrem gesteigert wird. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zwischen den Geschichten, in denen die Unvereinbarkeit lediglich gesellschaftlich ist und denen, in denen es sich um den Konflikt zwischen der irdischen und überirdischen Sphäre handelt. Ich glaube, man kann allgemein behaupten, daß das Liebespaar in den meisten Volksmärchen vor einer glücklichen Zukunft steht, beweisend, daß die Liebe alles überwinden kann, während die Beziehung eines Menschen mit einem nichtmenschlichen Wesen endgültig von ihrer Herkunft determiniert ist.

Wie erscheint das in Fouqués Werk? "Aus dem launischen, ungehorsamen und egoistischen Geistermädchen ist durch die Liebe eine hingebende, zuverlässige und großherzige, aber in ihrer Unerfahrenheit und Naivität allzu vertrauensselige Frau geworden. Sie muß zunächst erfahren, daß das Gefühl der für sie selbstverständlichen Liebe zu den natürlichen Eltern verschüttet werden kann durch die Gier nach höherer gesellschaftlicher Position und Besitz, und sie muß schließlich erfahren, daß durch ihren Großmut und ihre Vertrauensseligkeit die Grundlage zur Zerstörung ihres eigenen Glückes gelegt wird."(12.) Undines Liebesgeschichte findet also kein glückliches Ende, die Unvereinbarkeit ist hier viel zu groß. Es ist erwähnenswert, daß dieses Ende, der Tod des Ritters durch Visionen und Träume prophezeit wird. Dieses Motiv taucht zuerst im Traum des Paters Heilmann auf. Er sagt voraus, daß die Heirat mit Bertalda dem Ritter den Tod bringt: "Und seit vierzehn Nächten hat sie in Träumen an meinem Bette gestanden [ ...] seufzend: Ach hindr' ihn, lieber Vater! Ich lebe noch! [ ...] Ob du ihn auch nicht lässest, doch nimmer wirst du seiner froh." Später träumt selbst der Ritter von seinem tragischen Zukunft: "Schwanenklang! Schwanengesang! [ ...] das bedeutet ja wohl den Tod?" Diese Visionen geben uns ein, daß der Held seinem Schicksal nicht entgehen kann und dienen zugleich zur Steigerung der Spannung.

Interessant ist auch das Motiv der ausgetauschten Kinder. Ursprünglich ist Bertalda die Tochter der Fischer, von der Abstammung her also ein ähnliches "Naturwesen", wie diese. Da tritt aber die Lehre von der Wichtigkeit der Erziehung ein: Sie wächst bei den herzoglichen Pflegeeltern auf und wird deshalb ihnen ähnlich. Ob aber ihre geerbten Eigenschaften völlig verschwinden oder nicht, und inwiefern Undine ihren Platz im Leben der Fischer einnehmen kann, bleibt unerklärt. Die Beziehung der beiden Frauen ist auch nicht nur von der Seite Undines Freundschaft und Liebe zu betrachten. Wenn wir ehrlich sein wollen, nimmt Undine von Bertalda alles, was für sie wichtig sein könnte: ihre Eltern und später auch ihren Geliebten. Den letzteren versucht sie noch zurückzuerobern, aber am Ende bleibt sie doch eine Verliererin. Undine tut all das nicht bewußt, es geschieht wie durch einen fatalen Zufall. Zu dem Austausch-Motiv gehört auch, daß die Helden in die Rolle des anderen treten bzw. sie auch spielen sollen (denken wir an das doppelte Lottchen oder den Bettler und den Königssohn usw.). Hier geschieht eigentlich etwas ähnliches, obwohl wir uns dessen bis zum Ende nicht bewußt sind. Die beiden Frauen spielen ständig eine Rolle, die ursprünglich die andere spielen wollte. Das gibt der Geschichte ein gewisses "déja-vu"-Gefühl und zugleich einen Hauch von Schauerlichkeit, von dem übrigens das ganze Märchen, besonders die Darstellung der Elementargeister, durchwoben ist (z.B. aus dem Wasser greifende Hände, entsetzliche Gesichter, höhnische Gelächter usw.). Von diesen Spukereien (wie auch von der Person Kühleborns) weiß man selten, ob sie bloß Gebilden der Phantasie oder wirkliche Wesen sind, und sie steigern unsere Angst durch ihre Unbestimmtheit noch weiter. Diese Schauerlichkeit und die beglückende Märchenwelt der Wassersphäre erscheinen parallel, was aber nur für Undine etwas Natürliches ist, während sich damit selbst das Fischerpaar nicht abfinden kann. Sie sind offensichtlich zu sehr an die Realität gebunden und es fällt ihnen (und auch dem einfachen, sterblichen Leser) schwer, das Wunderbare ohne Schrecken wahrzunehmen: "» Ihr Leute seid doch seltsam! Was sagt ihr denn, ihr wäret die einzigen Menschen hier auf dem Insel? Und während der ganzen Trauhandlung sah zu dem Fenster mir gegenüber ein ansehnlicher, langer Mann im weißen Mantel herein. Er muß noch vor der Türe stehen, wenn ihr ihn etwa mit ins Haus nötigen wollt.« - » Gott bewahre!« sagte die Wirtin zusammenfahrend, der alte Fischer schüttelte schweigend den Kopf, und Huldbrand sprang nach dem Fenster. [ ...] Er redete dem Priester ein, daß er sich geirrt haben müsse, und man setzte sich vertraulich mitsammen um den Herd."

Das Problem von Undines Beseelung, bzw. die Problematik "Seele" ist kein vereinzelter Fall, besonders in der Romantik. Die Erklärung dafür findet sich in der Religion: Mit der Seele wird die Möglichkeit eines ewigen Lebens nach dem Tod verknüpft - wie in unserem Fall -; sie kann aber auch dem Teufel verkauft werden (z.B. Chamisso: Peter Schlemils wundersame Geschichte oder die Faust-Bearbeitungen) -was für den Helden nach seinem Tod die Hölle, im Leben ein schlechtes Gewissen bedeutet. Die Seele ist ein Symbol der Unschuld und eine Voraussetzung des vollwertigen Lebens. “Die Undine möchte eine Seele gewinnen, um wie Menschen Glück und Leid zu fühlen, wobei es ihr mehr auf das Fühlen überhaupt ankommt, als auf den Inhalt des Gefühls. Die Natur drängt also über die ihr zugewiesenen Grenzen hinaus, sie will Bewußtsein, Individualität und Schicksal gewinnen. [ . . . ] Der Mensch hätte die Macht, die Natur auf eine höhere Stufe zu führen. Der Pater Heilmann wird, wie sein Name verrät, in diesem Betracht zur zentralen Figur. In der Einsegnung der Ehe besiegelt er die vom Schöpfer gewollte Zusammenarbeit von Mensch und Natur zu gemeinsamem größeren Heil.”(17.) (Charakteristischerweise schreit Undine später der gefühllosen Bertalda einigemale zu: “Hast du denn wirklich eine Seele?”) Die Harmonie wird durch die Untreue des Ritters gebrochen, aber die Umarmung des Rittergrabs durch das Undinenbächlein symbolisiert wieder jene Einheit, “das als das in der Schöpfung entworfene Ziel der sich begegnenden Bestrebungen von Mensch und Natur verstanden wird.”(17.) Das Verlangen nach einer Seele ist eines der Hauptmotiven der Geschichte. Die große Bedeutung der Beseelung kommt auch dadurch zum Ausdruck, daß an Stelle des mutwilligen, koboldhaften Charakter Undines, der eigentlich ihrem Element, dem bald stillen, bald wilden Wasser ähnlich ist, ein gefühl- und seelenvolles Verhalten tritt.

Ein anderes Symbol ist der Brunnen. Er kann im allgemeinen vieles ausdrücken, z.B. das Wasser des Lebens, die Hoffnung, die Reinheit usw. In Fouqués Undine hat er aber eine andere Funktion. Der Brunnen im Burghof ist der einzige Kanal, durch den die Wassergeister mit den Menschen in Verbindung treten können, bzw. über den sie eine Macht haben. Das ist in Beziehung mit dem Kampf der Sphären von großer Bedeutung. Die Wassergeister können nur in ihrem eigenen Bereich eine Drohung für die Menschen bedeuten, wo sie wirklich mächtig sind und wo alle menschlichen Ansätze ihrem Willen untergeordnet sind. Nachdem aber Undine den Brunnen versiegelt, bekommt das Land die Oberhand. Das ist eine der "Spielregeln" und Tabus, mit denen die nichtmenschliche Sphäre in ähnlichen Märchen oft umgeben ist (s. gestörte Mahrtenehe im Kapitel II.). (» Zugleich ist er aber auch ein Bräutigam« , lachte Kühleborn höhnisch [ ...] » und dann müßt ihr doch zu des Zweiweibrigen Tode hinauf.« - » Ich kann ja nicht, [ ...] Ich habe ja den Brunnen versiegelt , für mich und meinesgleichen fest.« - » Aber wenn er von seiner Burg geht« -sagte Kühleborn, » oder wenn er einmal den Brunnen wieder öffnen läßt!« )

Ich habe schon erwähnt, daß die "Jenseitigen" in vielen Märchen den Haupthelden mit zauberkräftigen Dingen versorgen. In unserem Fall handelt es sich zwar um keine Zauberkraft, aber die verschiedenen Gegenstände, die von "jener" Seite kommen, sind es wert, beobachtet zu werden. Das erste Ding, das aus dem Wasser herausgeholt wird, ist ein Weinfaß. Scheinbar ist das ein unwichtiger Moment, aber da den Fischern der Wein gerade ausgegangen ist und sie die Halbinsel verlassen wollen, um Wein zu holen, ist dieses Geschenk dazu da, den Ritter davon abzuhalten, daß er Undine noch vor der Trauung verläßt. Indirekterweise dient es also dem Vorhaben der Wassergeister, Undine zu einer Seele zu helfen. Die gleiche Funktion haben die beiden Trauringe, die Undine als Kind aus der Wasserwelt mitgebracht hat. Eine Ausnahme bildet nur das Korallenhalsband, das Undine für Bertalda bringen läßt. Das Geschenk hat hier eine gegensätzliche Wirkung auf das Schicksal der Nixe, es verursacht nämlich ihr Unglück. Durch dieses Beispiel kann man wieder feststellen, daß die Rolle der "Jenseitigen" im Werk manchmal ziemlich widerspruchsvoll ist.

Es hat mich in der Literatur immer fasziniert, wie bewußt die Autoren in den meisten Werken für ihre Helden Namen wählen, obwohl der Leser darauf nur selten aufmerksam wird. Die Magie der Namen - die bei einigen Naturvölkern selbstverständlich ist - scheint bei uns ein Privileg der Künstler zu sein, der Alltagsmensch bleibt davon unberührt. Seitdem ich das festgestellt habe, versuche ich immer öfter die Namen der dargestellten Figuren zu beobachten. Es gibt fast immer eine Überraschung in ihrer Etimologie oder Semantik: sie enthalten verborgene Informationen über ihren Träger. Nach näherer Betrachtung stellte sich für mich heraus, daß Fouqué s Märchen besonders reich an "sprechenden" Namen ist. Zum Beispiel wird die Persönlichkeit des Ritters im Namen Huldbrand sehr plastisch ausgedrückt, sie setzt sich nämlich aus den zwei Eigenschaften "wohlwollend" und gleichwohl "feurig" zusammen, die in der Zusammensetzung Huld + Brand enthalten sind.

Bertalda, das Menschenkind, hat dagegen keinen besonderen Namen, symbolisierend, daß sie zu der alltäglicheren Sphäre gehört. Die Bedeutung ihres Namens kommt wahrscheinlich aus dem alten männlichen Namen Brechtwald, der ungefähr soviel bedeutet, wie "mit Pracht herrschend". Dadurch kann Bertaldas Gier nach gesellschaftlicher Position und Wohlstand ausgedrückt werden, aber meiner Meinung nach kommt davon zu uns nicht viel über, da der einfache Leser das nicht unbedingt weiß.

Viel expressiver sind die Namen Kühleborn und der des Paters Heilmann. Der erste drückt die Gefühllosigkeit, sowie die "kühle" Wasser-Herkunft des seelenlosen Oheims sehr gut aus, während der zweite sowohl mit dem Wort "heilig" als auch mit "heilen" in Zusammenhang gebracht werden kann, von denen eigentlich beide den Pater charakterisieren könnten. Er ist nicht nur ein Vertreter der Geistlichkeit, sondern ein echter Bote des Guten.

Es lohnt sich aber auch, den namenlosen Helden ein bißchen Aufmerksamkeit zu widmen. Mit ihrer Namenlosigkeit wird ausgedrückt, daß nicht ihre Person, sondern ihre Rolle wichtig ist. Solche Figuren sind sowohl und vor allem die Fischer, bei denen die Elternrolle bzw. ihr einfacher, ruhiger Beruf als Lebensform betont ist, als auch die herzoglichen Pflegeeltern von Bertalda und mehrere andere Nebenfiguren.

Ich habe am Anfang schon erwähnt, daß diese Erzählung nicht die einzige unter Fouqués Dichtungen ist, die sich mit der Welt der Elementargeister beschäftigt. Unter ihnen gibt es sogar mehrere, die einander und seiner Undine in gewisser Hinsicht sehr ähnlich sind. Nun werde ich diese zusammenfassen.

 Im altsächsischen Schauspiel “Die Runenschrift” hat Fouqué nochmals das Wasserelement behandelt. Die Nixe lehrt hier dem Hauptheld, dem jungen Sachsenritter Hildegast, Runen zu schreiben, um die Liebe eines Burgfräuleins zu erwerben. Sie spielt also eine Nebenrolle in der Geschichte, die aber deshalb wichtig ist, weil die Nixe hier als ein Wassergeist mit besonderen Fähigkeiten erscheint, der nicht bloß die Menschen neckt, sondern ihnen auch oft mit Rat und Tat behilflich ist. Diese Erscheinung ist in der Undine-Literatur auch verbreitet, daß die Elementargeister höhere, den Menschen unzugängliche Kenntnisse haben. Sie besitzen z.B. die Gabe der Weissagung oder Heilkräfte, wie es auch in mehreren anderen Fouqué-Dichtungen der Fall ist.

Stofflich bemerkenswert ist noch die “Rheinische Sage” (Ballade), die eigentlich eine Fortsetzung der Lohengrin- oder Schwanrittersage ist. In diesem Fall ist es der Mann, der zum Schluß als beleidigtes Elementarwesen ins Wasser zurückkehren muß. Das uralte mythologische Gesetz, das im Falle der Nichterfüllung einer gestellten Bedingung (welche hier die Taufe des dritten Kindes auf den Namen des Vaters ist) die Trennung des elbischen Wesens von dem Menschenkind verursacht, kommt auch hier zur Geltung.

In der Novelle “Sophie Ariele” hat sich Fouqué dem Luftelemente und den Sylphen zugewendet. Interessant ist hier die Erscheinung der Geister der anderen Elementen, mit denen die Sylphe Ariele befreundet ist. Z.B. der “alte schilfgekrönte Mann im Meergrunde”, der Undinenvater entfesselt einen wilden Seesturm, damit Ariele durch ihre Freunde von den Piraten gerettet werden könne.

Es erscheint außerdem auch das Motiv der ausgetauschten Kinder, das bei Fouqué mehrmals wiederkehrt, da die Elementarwesen in seinen Werken oft bei menschlichen Pflegeeltern aufwachsen, um der Menschenwelt näher zu kommen.

ƒ Undine, Sophie Ariele und die Heldin des Märchens “Schön-Irsa”, eine Elfin (Waldgeist), genießen alle den Schutz ihres Elements, was oft in Form eines ständigen Begleiters erscheint. Wie der weiße Mann Undine beisteht, so hat die Sylphe eine weiße Taube, die Elfin eine weiße Kuh als Begleiter. In diesem Motiv zeigt sich die Ähnlichkeit zwischen Fouqués Elementargeist-Dichtungen vielleicht am besten.

Weitere Werke mit ähnlichem Thema sind “Die Elfenkinder” (Zauberspiel), “Alpin und Jukunde” (Ballade), die romantische Idylle “Die Wegweiserin”, das Gelegenheitsgedicht “Blumengruß” und die Novelle “Fata Morgana”.

Das Feuer( )- und Erdelement( ) kommt in der Fouquéschen Novelle “Erdmann und Fiametta” zur Geltung, wo der kühle Deutsche, Erdmann, das Wesen der Erdgeister inkarniert, während die heiße Südländerin Fiametta die Tochter der aus dem Aetna stammenden Salamandra, der Flammenbraut ist. Hierzu ist zu erwähnen, daß es in der Fouquéschen Welt der Elementargeister auch einige Abweichungen von der des Paracelsus gibt, obwohl diese jener meistens treu folgt. So ein Unterschied ist z.B. die Tatsache, daß Fouqué die Vermählung eines Feuergeistes mit einem Menschen für möglich hält, während das von Paracelsus abgelehnt wird.

Ähnlich ist die Darstellung der Aetnischen und dem Wassergeist Kühleborn in der Hinsicht, daß man in beiden Fällen unsicher ist, ob sie wirkliche Wesen oder nur Täuschungen sind. “Forscher aber haben behauptet, es sei ihnen so vorgekommen, » als ob ein düster umschleiertes Frauenbild in der Krater hinabgeschwebt sei« ; doch könnte es auch » ein aufsteigendes und wieder versinkendes Rauchgewölk des Abgrundes« gewesen sein.”(19.)

So hat Fouqué in mehreren größeren Darstellungen, um die sich einige verwandten Werke gruppieren, in seiner Weise das vierelementarische Naturreich behandelt. Seine Helden, die Feen und Elfen, und nicht zuletzt Undine, sprechen uns an, weil sie “so schön sind und so innig empfinden”(19.), weil sie lieben und leiden wie wir. “Dennoch bleibt nur die Undine als die wirklich allerliebste Dichtung Fouqués in der Literatur lebendig, weil dem Dichter hier die märchenhafte Behandlung und Einkleidung des Stoffes so ausnehmend gut gelungen ist, weil sie uns der Dichter in einem Milieu zeigt, das einzig und allein zu einem solchen Wesen paßt, mit der lokalen Färbung und auch in der Sprache und im Tone des Märchens.”(19.)

Nach all diesen Gedanken kann ich von Fouqué s Undine nur noch behaupten, daß es seiner zentralen Position in der Undine-Literatur würdig ist, denn es gibt unter den vielen Bearbeitungen vielleicht keine andere, die so reich an tiefsinniger Aussage und poetischer Schönheit wäre, wie diese.