V.

J.W. von Goethe

 

Die Wirkung der im 16.-17. Jahrhundert kennengelerten Nixenliteratur beginnt sich erst ein Jahrhundert später wieder in ihrem vollen Glanz erkennen zu lassen. Das Motiv der Meerjungfrau darf aus der Dichtkunst des großen Dichters, Goethe auch nicht fehlen. Er hat dem feuchten Element eine Zeitlang besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Es erscheint in mehreren seiner bedeutendesten Werken, unter anderem in der Ballade "Der Fischer" in seinem Faust und in der Novelle "Die neue Melusine".

Im Faust tritt Undine zuerst in der Szene vor uns, als Faust den Teufel zu beschwören versucht:

'

(FAUST) Erst zu begegnen dem Tiere,
Brauch ich den Spruch der Viere:

Salamander soll glühen
Undene sich winden
Sylphe verschwinden
Kobold sich mühen.

Wer sie nicht kennte
Die Elemente,
Ihre Kraft
Und Eigenschaft,
Wäre kein Meister
Über die Geister.

Fausts Zauberformel deckt sich mit der schon von Paracelsus bekannten Vierteilung der Elementargeister. Aus dem letzten Teil stellt sich heraus, daß für Faust die Kenntnisse über diese Geisterwesen als Schlüssel in die Welt der Magie zählen. Hier finden wir also gleich einen Beweis dafür, daß man die Bedeutung der Paracelsischen Lehren eben wegen ihrer großen Wirkung auf spätere Dichtungen, wie auch diese, nicht unterschätzen darf.

Im Hymnus zu Beschluß der klassischen Walpurgisnacht vereinen sich die vier Elemente wieder:

SIRENEN Heil dem Meere! Heil den Wogen,
Von dem heiligen Feuer umzogen!
Heil dem Wasser! Heil dem Feuer!
Heil dem seltnen Abenteuer!

ALLE Heil den mildgewogenen Lüften!
Heil geheimnisreichen Grüften!
Hochgefeiert seid allhier,
Element' ihr alle vier!

In einem anderen Fall, in der Szene der zweiten Walpurgisnacht, treten die Wasserfrauen schon kollektiv auf und werden nach dem griechischen Vorbild Sirenen genannt. Sie sind aber nicht mehr die unwiderstehliche Magierinnen Homers, sondern mehr Chor als Handlungsträger. Sie sind sich der Tradition bewußt geworden, in der sie stehen:

Wie Ulyß bei uns verweilte,
Schmähend nicht vorübereilte,
Wußt' er vieles zu erzählen;
Würden alles dir vertrauen
Wolltest du zu unsern Gauen
Dich an' s grüne Meer verfügen.

Der parodisierende Absicht des Dichters ist hier offensichtlich: Die Sirenen lügen ja, als sie behaupten, daß Odysseus sich bei ihnen am grünen Meer aufgehalten habe, er hat sich nämlich sogar am Mast seines Schiffes festbinden lassen, um ihrer Verlockung widerstehen zu können:

SPHINX Laß dich, Edler, nicht betrügen.
Statt daß Ulyß sich binden ließ,
Laß unsern guten Rat dich binden;
Kannst du den hohen Chiron finden,
Erfährst du, was ich dir verhieß.

Ein weiteres Zeichen von des Dichters Altersironie ist, "daß er diesen so überaus unzuverlässigen Wasserwesen den Augenzeugenbericht über die Hochzeit des Homunkulus mit der Galatea in den verführerischen Mund gelegt hat."(20.) Faust sollte hier die Rolle des neuen Odysseus spielen, dem die Sirenen nun die geheimnisse ihrer Geschichte mitzuteilen versprechen; eine Geschichte freilich, die unglaubwürdig ist.

Die Wasserfrau, die Goethe fast fünfzig Jahre zuvor, 1778 beschworen hatte, tritt in einem Werk vor uns, wo das feuchte Element auch eine eigene, mit seinem Rauschen verführende Stimme zu haben scheint. Das Gedicht "Der Fischer" entstand in dem vom Sturm und Drang verkündeten Zeichen der Volkstümlichkeit und Naturverbundenheit. "So hat Friedrich Gundolf den Dichter gesehen, » unmittelbar die Volksballade fortbildend, gefühlsmäßig das Locken, Raunen, Rieseln, Dämmern und Weben des Wassers und der Luft zu Elementargeistern verdichtend, aus dem Grauen heraus ballend.« "(20.)

Rhytmus und Klang entstammen hier der Bewegung natürlicher Kräfte. Zwar heißt das Gedicht ' Der Fischer' , doch bleibt die Titelfigur stumm. Was spricht, ist das Element, die Natur, das Weibliche:

Das Wasser rauscht' , das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt, und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor;
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
“Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie' s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverkehrte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew' gen Tau?”

Das Wasser rauscht' , das Wasser schwoll,
Netzt' ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war' s um ihn geschehn:
Halb zog sie ihn, halb sank er hin,
Und ward nicht mehr gesehn.

Die Wasserfrau erscheint hier, wie ihre griechischen Ahnfrauen, die Sirenen, auch als ein Todesbote, eine "Muse des Jenseits"(20.). Ihr Sprachzauber scheint allerdings nicht hinzureichen, um den stummen Fischer zu verführen. Nach der Wiederspiegelung von Himmel und Himmelskörper versucht sie, als letztes Lockmittel, den Fischer mit dem eigenen Spiegelbild zu verführen. Hat sie etwa in ihm die Sehnsucht des Narziss nach sich selber aufgeregt, indem er schließlich hinsinkt? "In meisterhafter sprachlicher Steigerung erscheint das Spiegelbild des jungen Menschen als der letzte, der entscheidende Köder, der ihn sich selbst nach in die Tiefe zieht."(20.) Die irdische Geliebte ist nicht fähig, ihn an die Erde zu knüpfen. Sie erscheint auch nur im Vergleich ("Wie bei der Liebsten Gruß"), und nicht als eigenständige Gestalt. Es ist sein Schicksal, daß er in der Tiefe sich selbst und nicht den anderen gesucht hat. Das die Nixe den Knaben mit seinem eigenen Bild verlocken mußte, trägt entscheidend zu der Geschlossenheit der Ballade bei. "So wird das feuchte Weib mit seinem Opfer schließlich eins."(20.): Halb zieht sie ihn mit seinem Bild, halb sinkt er ihm nach. Das Spiegelbild-Effekt kommt auch im Sprachlichen zum Ausdruck. Die Zeile "Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm" kehrt nämlich wieder, bei ihrer Wiederkehr jedoch in ihr Spiegelbild verkehrt, wie sein "eigen Angesicht" auch. In der vierten Strophe heißt es: "Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm". Dieses Vertauschen von "sprach" und "sang" kann aber auch so interpretiert werden, daß das Wort, die Argumentation, seine Aufgabe schon erfüllt, zurücktritt, um dem verführerischen Gesang wieder Platz zu geben. Das Verführerische steht hier aber - im Gegensatz zu den homerischen Sirenen - weder in der Rede, noch im Gesang. Die Wasserfrau teilt ihrem Opfer trotz ihres Gesangs nichts mehr mit: sie verführt ihn durch Bilder. "Kaum fühlt man sich berechtigt, hier noch von Begegnung, von Verführung zu sprechen. Romantische Musik schlingt Innen- und Außenwelt in einen magischen Kreis. In diesem Kreis jedoch blickt man einen Augenblick lang in jene Tiefe, in der sich das Element des Wassers mit dem Element des Geschlechts vermählt, wobei dieses weit tödlicher erscheinen will als jenes."(20.)

 

Goethes "Weibchen im Kasten"(19.) in der Novelle "Die neue Melusine" /1817./ ist weniger bekannt.

Die Heldin der Novelle ist eine Gnomide aus dem Stamme des Zwergenfürsten, von den Ihrigen in die Welt gesendet, um sich einem "ehrsamen Ritter" zu vermählen und dadurch das uralte Zwergengeschlecht mit neuem, kraftvollem Blut aufzufrischen. Mit Hilfe eines Ringes erhält sie die Gestalt, in der sie unter den Menschen wandelt. Sein Auserwählter, der "sonst leichtlebige Bartkünstler"(19.) soll das Kästchen, in der sie in ihrer Zwergengestalt lebt, behüten. Der lustige Barbier kann aber der Versuchung nicht widerstehen und wirft durch einen Riß einen neugierigen Blick ins Innere des Kästchens, das eigentlich ein köstlicher Zwergenpalast ist. Sie verzeiht ihm gegen das Versprechen, daß er ihr diese Entdeckung niemals vorwerfen solle. Aber der Barbier hält sein Versprechen nicht, so muß er sich von ihr trennen. Nur unter der Bedingung, daß er selbst zum Zwerge werde, ist die Fortdauer der Verbindung möglich. Die Umwandlung geschieht mit Hilfe des Ringes. Im Zwergenreich findet dann die Vermählungsfeier statt, doch nicht lange danach sehnt sich der Sterbliche nach Freiheit; er feilt den Ring vom Finger und kehrt nun wieder als Mensch zu den Menschen zurück.

Bemerkenswert ist hier die Wiedervereinigung, die der Dichter nach der Trennung wieder zustande kommen läßt, sowie die Tatsache, daß wir von dem weiteren Schicksal der Zwergin nichts erfahren: die ganze Geschichte ist einseitig aus der Perspektive des Mannes erzählt.

An Paracelsus erinnert die von der Zwergin angegebene Ursache der Erschaffung des Zwergenvolkes: "damit auch vernünftige Wesen wären, welche Gottes Wunder im Innern der Erdee auf Gängen und Klüften anstaunen und verehren könnten".

Weitere, unserem Thema verwandte Werke Goethes sind z.B. das Singspiel, oder, wie er es selbst genannt hat, das Wald- und Wasserdrama "Die Fischerin", sowie die Ballade "Erlkönig" /Elfenkönig/, die in gewisser Hinsicht auch das spukhafte Leben der Natur darstellt. Diese Werke hängen aber mit dem Nixenmotiv nicht mehr so eng zusammen, wie die oben behandelten Dichtungen.