II.

Die Staufenberg-Sage

 

Der Stoff des "Peter von Staufenberg" gehört in den größeren Kreis der Sagen und Märchen von der "gestörten Mahrtenehe", d.h. von der geschlechtlichen Verbindung zwischen einem Menschen und einem überirdischen Wesen. Der Stoff ist seit dem Mittelalter in verschiedenen Versionen verbreitet. “Die Eheschließung eines Mannes mit einer übernatürl. Frau (Fee, Waldfrau u.a.) wird für den ird. Partner mit Tabus verbunden (Schweigegebot, Verbot, die Geliebte nackt [ oder in ihrer Fischgestalt] zu sehen u.a.) Sobald er sich darüber hinwegsetzt, zieht er Unheil auf sich oder die Jenseitige entflieht für immer.”(13.)

Mit dem Tod des Helden wegen seiner späteren Vermählung mit einer irdischen Frau zeigt diese Erzählung allerdings eine motivliche Sonderform, die in der Volksüberlieferung anderswo selten zu finden ist, aber auf die späteren Bearbeitungen des Stoffes stark gewirkt hat.

Die Erzählung dient zum Zweck, den Ursprung eines mittelalterlichen Adelsgeschlechtes von der Verbindung mit einem übernatürlichen Wesen abzuleiten, um damit den Legitimitätsanspruch der Familie auf eine höhere, metaphysische Ebene zu heben. In der Literaturgeschichte sind noch mehrere Geschichten mit ähnlichem Ziel zu finden, z.B.die Schwanrittersage (Bouillon, Kleve) oder die franz. Melusinensage. Es handelt sich um die Familie, die auf der Burg Staufenberg in der Ortenau (Mortenouwe) im mittleren Baden ansässig war.

Die früheste Version der Staufenbergsage ist eine mhd. Versnovelle, die um 1310 entstand. Die einzige ältere Handschrift ist zwar 1870 in Straßburg verbrannt, doch ist die Drucklegung schon in der Frühzeit der Buchdruckerkunst erfolgt: mehrere frühe Drucke und Auflagen erweisen die jahrhundertelange Beliebtheit des kleinen Werkes. Der Verfasser ist wahrscheinlich ein Angehöriger des Geschlechtes, Egenolf von Staufenberg. Im Gedicht handelt es sich um eine überirdische Frau ohne nähere Bestimmung; eine "Merfeye" hat erst die Überschrift des Druckes aus ihr gemacht. Den Kern der Erzählung bilden auch hier - der Melusinensage ähnlich - der Pakt und die Verlobung mit der übernatürlichen Geliebten, der Bruch des Versprechens durch die Ehe mit einer anderen Frau und der Tod des treulosen Gatten. Der Grund des Eheverbots ist folgendes: Die "frouwe", als heidnisches Wesen, kann an der christlichen Ehe keinen Anteil haben und sie muß fordern, daß auch ihr Ritter davon ausgenommen bleibe.

Die frouwe sprach uz munde rot
» min lieber frünt, daz mag wol sin,
joch volgest du der lere min,
als ich nu hie bescheide dich.

380 swenn du denn wilt, so hastu mich,
swa du alterseine bist.
nu sag ich dir bi diser frist:
und wiltu trüten minen lip,
so muostu ane elich wip

385 iemer sin unz an din tot
und lebest gar an alle not
biz an den jungestlichen tag,
daz dich nüt gekrenken mag
und daz du niemer swecher wirst,

390 ist daz du elich wip verbirst.
nim swelch du wilt, wan nüt zer e
darzuo hastu iemer me
guotes swes din herz begert,
des bistu, frünr, von mir gewert.

395 aber nimst en elich wip,
so stirbet din vil stolzer lip
darnach am dritten Tage:
fürwar ich dir daz sage,
wan ez nieman erwenden kan.

400 darumb so soltu dich verstan
in herzen und in muote.«

Den Höhepunkt erreicht die Handlung an der Katastrophe am Hochzeitsfest, beginnend mit dem Erscheinen des nackten Fußes in der Decke des Kaisersaales.

eins menschen fuoz ez sehen liez
bloz in dem sal unz an die knie.
uf erden so wart schoe ner nie

1035 noch minnenclicher fuoz gesehen:
daz muostent alle menschen jehen.
der fuoz über den sal erschein
wizer denne ie helfenbein.

Do menneglich den fuoz ersach,

1040 do schrei der ritter unde sprach
» owe, owe mir armen man!«

Dieses Warnzeichen, das die Fee bereits bei der Verlobung ankündigt, ist auch ein interessantes Motiv, das wir in den späteren Bearbeitungen in verschiedenen Versionen wiederfinden.

Der Dichter hat wahrscheinlich unmittelbar aus dem Erzählgut des Volkes geschöpft. Aus der Volkssage ist aber alles in die ritterliche Welt übertragen.: Aus der Feenliebe der Sage wird die ritterliche Minne, aus dem elbischen Elementarwesen eine höfische Dame, aus dem einfachen Sterblichen der Ritter. Diese Übertragung hat aber auch einen Widerspruch als Folge, nämlich den zwischen den Resten einer älteren sagenhaften Auffassung und der späteren christlichen Überdichtung.

Z.B. während der Dichter die "frouwe" zu Beginn engelsgleich schildert und ihr auch bei allen Begrüßungen Gott, Christus usw. in den Mund führt, behaupten die Priester später, daß sie ein teuflisches Wesen gewesen ist. Trotzdem sieht der Ritter den Grund seines Todes lediglich in seinem Treuebruch und nicht darin, daß er einen Teufelspakt geschlossen hätte. Hier ist es also noch sichtbar, daß eigentlich die ursprüngliche Sage von der Mahrtenehe mit einer christlichen Korrektur versehen ist, aber sie wird allmählich ganz aufgelöst. Bei Paracelsus (s. nächstes Kapitel) ist dieser Prozeß noch mehr fortgeschritten und deshalb noch deutlicher zu sehen. Die Einheit von der Märchenwelt der Ritter und der christlichen Lebensauffassung, wie wir sie in der höfischen Artusepik noch kennen, ist damit für immer verloren gegangen.

Das zeitlich nächste Zeugnis für das Weiterleben der Staufenbergsage ist die Chronik der Grafen von Zimmern, die von der Prosafassung und der Abkürzung abgesehen so eng an den ursprünglichen Text angelehnt ist, daß dieser dem Chronisten unmittelbar vorgelegen haben muß.

In Gedankengängen und Tendenzen nahe verwandt mit der Zimmerischen Chronik ist die Erneuerung des Peter von Staufenberg von 1588 durch Johann Fischart. Den Kern bildet auch hier die mhd. Dichtung, in einer freien Bearbeitung mit Zusätzen versehen.

Im beginnenden 17. Jh. gibt uns die Aufnahme der Staufenbergsage in den "Mons Veneris" des Heinrich Kornmann (1614) - eine ganze Sammlung von Mahrtenehen - Kunde vom Weiterleben der Erzählung. Wenn wir den Text mit dem Teil von Paracelsus' Lektüre (s. nächstes Kapitel) vergleichen, der die Staufenbergsage behandelt, finden wir an einigen Stellen offensichtliche Übereinstimmungen. Es handelt sich hier also auf jeden Fall um eine Übernahme.

Noch bevor die Romantik (Wunderhorn, Grimm DS ® s. Kapitel VI.) nach langer Ruhepause die Staufenbergsage wieder aufnahm, wurde eine volkstümliche Weiterbildung aus mündlicher Tradition aufgezeichnet. Sie stellt neben dem "lierarischen Zweig" ein einzigartiges Beispiel dar, wie sich die Sage im Erzählen des Volkes gewandelt hat. Es ist die von Mone veröffentlichte Sage "Melusine im Stollenwald". Diese Sage ist in mehrerer Hinsicht interessant. Charakteristischerweise gibt es in ihr auch eine Standeswechsel: der Ritter wird zum Sohn des Amtmanns verbürgerlicht, während die geheimnisvolle, Reichtum und ewiges leben spendende "frouwe" der höfischen Version als eine erlösungsbedürftige Jungfrau erscheint. Die Vorgeschichte ist auch anders: sie schildert die mißglückte Erlösung einer Schlangenjungfrau durch Kuß (sog. Schlangenkußmotiv). Nur der zweite Teil stimmt mit dem Peter von Staufenberg überein. Bemerkenswert ist vor allem, daß die Elemente aus der Staufenberg-Sage mit Motiven aus dem Melusinenstoff überdeckt worden sind: die Frauengestalt erhält den Namen Melusine und nimmt auch ihre Gestalt, den charakteristischen Schlangenschwanz an. Es erscheint dann auch nicht der Fuß, sondern der Schlangenschweif an der Decke. Von einer "Meerfeye" ist hier also nicht die Rede. Der Melusinenstoff, der hinsichtlich seiner Wirkung ungleich bedeutender war, hat also den verwandten Staufenbergstoff an sich gezogen.

Sicherlich haben die literarischen Staufenbergbearbeitungen aber auch eine rückläufige Wirkung auf die mündliche Volksüberlieferung gehabt. Es finden sich in einigen Volksmärchen (z.B. in einer lothringischen Erzählung, die Angelika Merkelbach-Pinck 1932 in Viller bei Mörchingen aufgezeichnet hat) Parallelen zum Peter von Staufenberg, z.B. die Voraussage der Ereignisse am Hochzeitstag und vor allem der Fuß an der Decke.

Zur nächsten Aufschwung der Neubearbeitungen kam es in der Romantik, mit der eine Blütezeit der Elementargeister begann, und wo die Staufenbergerfrouwe schon gänzlich zur Wassernixe gewandelt wird. Die einzelnen Werke, die den Stoff bearbeiten, werde ich aber erst im Kapitel VI. behandeln.

Als Ergebnis kann man feststellen: Neben der jeweiligen literarischen Bearbeitung zieht sich auch eine volkstümliche und mündliche Überlieferung. Schon aus der mhd. Bearbeitung des Stoffes läßt sich erschließen, daß die Staufenbergsage schon früh eine wirkliche Volksüberlieferung war. Dasselbe beweist auch, daß ähnliche Stoffe, auch ganz unabhängig von der Staufenbergsage im Volksmund bis in die Gegenwart fortleben. Im Volksglauben lebt die Vorschrift bis heute: eine Frau oder Braut darf nie an einem Fuß barfuß sein, sonst stirbt der Mann oder Bräutigam.

Zum Thema "gestörte Mahrtenehe" sind zum Schluß noch einige, mit der Staufenbergsage verwandte Parallelsagen zu erwähnen. Solche sind z.B. die vom bretonischen Ritter Graelent oder das Märchen vom Ritter Lanval, von der durch Marie de France berichtet wird. Die wichtigste Parallelversion ist jedoch die schon erwähnte Melusinensage, die am frühesten bei Gervasius von Tilbury überliefert ist, der sein Werk um 1211 schrieb.

Das Motiv der Feenliebe und Mahrtenehe entspricht durchaus mittelalterlichem Glauben. Die Vermählung mit einem überirdischen Wesen galt zu dieser Zeit als ohne weiteres vorstellbar. Die strenge Wahrung des Liebesgeheimnisses war auch eine wichtige Pflicht des mittelalterlichen Ritters. Hierzu muß aber auch erwähnt werden, daß Sagen von Ehen mit Fischweibern schon den Altgriechen bekannt waren, wie auch die Fischgestalt der Melusine den antiken Sirenen nachgebildet ist. In der griechischen Mythologie schenkt eine Göttin ihre Gunst einem sterblichen Manne unter ähnlichen Bedingungen: auch im homerischen Hymnus auf Aphrodite droht die Göttin dem Hirten Anchises mit dem Wetterstrahl des Zeus, wenn er ihr untreu werde. Von diesen allgemeinen Parallelen ist die mittelalterliche Ausbildung spezifischer Sagenkreise jedoch zu trennen.